Wirtschaftsindikatoren - Einfluss auf den Aktienmarkt
Autor: Tom Dietrich · Zuletzt aktualisiert: 03.04.25
Börse/Aktien · 10 Min. Lesedauer
Wirtschaftsindikatoren – Einfluss auf den Aktienmarkt
Der Aktienmarkt gilt als zentraler Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und spiegelt das Vertrauen der Investoren in die Zukunft der Wirtschaft wider. In Deutschland, als eine der größten Volkswirtschaften Europas, hat der Aktienmarkt nicht nur für Unternehmen und Investoren eine hohe Bedeutung, sondern auch für die gesamtwirtschaftliche Stabilität des Landes.
Dabei spielen Wirtschaftsindikatoren eine entscheidende Rolle, da sie wichtige Informationen über den Zustand und die Entwicklung der Wirtschaft liefern. Diese Indikatoren, wie z.B. das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Inflationsrate, die Arbeitsmarktzahlen oder der ifo-Geschäftsklimaindex, beeinflussen maßgeblich die Stimmung an den Börsen und damit auch die Kursentwicklung der Aktien.
Wirtschaftsindikatoren geben Hinweise auf die aktuelle und zukünftige wirtschaftliche Lage und dienen Investoren als Orientierungshilfe bei der Entscheidungsfindung. Positive Indikatoren, wie ein starker Anstieg des BIP oder eine niedrige Arbeitslosenquote, fördern in der Regel die Kauflaune der Anleger und lassen Aktienkurse steigen.
Negative Indikatoren hingegen, wie eine hohe Inflationsrate oder eine sinkende Industrieproduktion, können Unsicherheit hervorrufen und zu fallenden Kursen führen.
In der deutschen Wirtschaft, die stark exportorientiert ist, beeinflussen sowohl nationale als auch internationale Wirtschaftsindikatoren den Aktienmarkt. So können globale Entwicklungen, wie etwa geopolitische Spannungen oder wirtschaftliche Entscheidungen der Europäischen Zentralbank, ebenso Auswirkungen auf den DAX und andere deutsche Indizes haben.
Definition von Wirtschaftsindikatoren
Wirtschaftsindikatoren sind statistische Kennzahlen, die den Zustand und die Entwicklung einer Volkswirtschaft messbar machen. Sie liefern wichtige Informationen über verschiedene Bereiche der Wirtschaft, wie beispielsweise die Produktion, den Konsum, die Beschäftigung und die Preisentwicklung.
Diese Indikatoren werden von Regierungen, Banken, Unternehmen und Investoren genutzt, um wirtschaftliche Trends zu erkennen und Entscheidungen auf fundierter Basis zu treffen.
Wirtschaftsindikatoren lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- Frühindikatoren, die Hinweise auf zukünftige Entwicklungen geben
- Gegenwartsindikatoren (Präsenzindikatoren), die die aktuelle Lage abbilden
- Spätindikatoren, die vergangene Entwicklungen widerspiegeln
Bruttoinlandsprodukt (BIP) - Gross Domestic Product (GDP)
Das Bruttoinlandsprodukt BIP ist einer der wichtigsten Wirtschaftsindikatoren und misst den Gesamtwert aller innerhalb der Grenzen eines Landes produzierten Waren und Dienstleistungen. Eine robuste BIP-Wachstumsrate signalisiert eine starke Wirtschaft und signalisiert Wachstum, was das Vertrauen der Anleger in den Aktienmarkt stärkt und so zu mehr Investitionen in diesem Markt führt.
Ein wachsendes BIP führt zu höheren Renditen an den Aktienmärkten und umgekehrt führt ein sinkendes BIP zu Verlusten an den Börsen.
Bruttonationaleinkommen (BNE) - Gross National Product (GNP)
Das zuvor genannte Bruttoinlandsprodukt lässt sich leicht mit dem Bruttonationaleinkommen verwechseln. Der Unterschied liegt im zwischen dem Inlandsprinzip bei dem BIP und dem Inländerprinzip bei dem BNE.
Nach dem Inländerprinzip wird nur das Einkommen von Personen mit Wohnsitz in Deutschland berücksichtigt, auch wenn diese im Ausland leben und Geld verdienen. Zusätzlich wird nach dem Inländerprinzip das Einkommen von Ausländern, die in Deutschland arbeiten, nicht zum BNE dazu gezählt. Da es hierbei um das Einkommen von Personen geht, wird von In-ländern gesprochen und vom Bruttonational-einkommen.
Das Inlandsprinzip bezieht sich auf den Herstellungsort und Produkte. In einem BIP sind also alle Produkte und Leistungen aus einem Ort zusammengefasst, egal wer diese hergestellt hat. Es zählt nur, wo diese produziert wurden.
Das BIP wird häufiger als zentrale Kennzahl verwendet, da alle Produkte durch Steuern und Kaufkraft der Arbeitskräfte vorort zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen. Personen, die im Ausland arbeiten, tragen eher zur Kaufkraft des jeweiligen Landes bei, weniger der des Heimatlandes. Daher spricht man von inlands-prinzip und Brutto-inlands-produkt.
Arbeitslosenquote - Unemployment Rate
Die Arbeitslosenquote spiegelt den Prozentsatz der Arbeitskräfte wider, die arbeitslos sind und eine Beschäftigung suchen. Eine niedrige Arbeitslosenquote ist im Allgemeinen positiv für den Aktienmarkt, da sie auf einen gesunden Arbeitsmarkt und erhöhte Verbraucherausgaben hinweist.
Inflationsrate - Inflation Rate
Die Inflation misst die Rate, mit der sich die Preise für Waren und Dienstleistungen im Laufe einer Periode ändern. Genau genommen ist es die monatliche oder jährliche Änderung des Verbraucherpreisindex. Eine moderate Inflation kommt in der Regel dem Aktienmarkt zugute, was auf eine wachsende Wirtschaft hindeutet, während eine Deflation meistens größere Investitionen verhindert.
Verbraucherpreisindex (VPI) – Consumer Price Index (CPI)
Der Verbraucherpreisindex (VPI) misst die monatliche Veränderung der von den Verbrauchern gezahlten Preise für alle Waren und Dienstleistungen in Privathaushalten. Die Änderung des Verbraucherpreisindex wird als Inflationsrate oder Teuerungsrate bezeichnet. In Deutschland werden dafür die Preise von etwa 700 Produkten und Dienstleistungen zusammengefasst, die vom Statistischen Bundesamt ermittelt werden.
Verbrauchervertrauensindex - Consumer Confidence Index (CCI)
Der Verbrauchervertrauensindex spiegelt wider, wie die Verbraucher die gegenwärtigen und zukünftigen Bedingungen der Wirtschaft einschätzen.
Ein hohes Verbrauchervertrauen führt häufig zu einem Anstieg der Ausgaben, was sich positiv auf die Einnahmen und Gewinne der Unternehmen und damit auch auf den Aktienmarkt auswirkt. Der Wert wird durch Umfragen von dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und The Conference Board (TCB) ermittelt.
Verbraucherstimmung/Konsumklimaindex KKI (GfK) - Consumer Climate Cndex (CCI-GfK)
Ähnlich wie der Verbrauchervertrauensindex soll der Konsumklimaindex die Konsumneigung der Privathaushalte widerspiegeln. Dazu werden 2.000 Personen für eine repräsentative Umfrage ausgewählt, um jeden Monat die privaten Konsumausgaben zu bestimmen.
Wie bei vielem Umfragen zu Vertrauen und Verhalten, wird ein Index bezogen auf 100 angegeben, sodass eine Änderung zu der vorherigen Befragung angegeben werden kann.
Leitzins - Interest Rates
Die Zentralbanken passen den Leitzins an, um die Inflation und das Wirtschaftswachstum zu steuern. Niedrigere Leitzinssätze fördern die Kreditaufnahme und die Ausgaben, was die Wirtschaftstätigkeit anregt und die Aktienkurse steigen lässt. Der Leitzins legt den Zinssatz fest, den andere Banken an die Zentralbank bei einem Kredit bezahlen müssen.
Die Zinssätze sind einer der wichtigsten Wirtschaftsindikatoren, die ein Portfolio beeinflussen können. Wenn die Zinssätze steigen, fallen die Anleihekurse tendenziell, und wenn die Zinssätze fallen, steigen die Anleihekurse tendenziell. Wenn ein Anleger beispielsweise eine Anleihe mit einem festen Zinssatz von 3 % hält und die Zinsen auf dem Markt auf 4 % steigen, wird die Anleihe weniger wert sein, da neu ausgegebene Anleihen eine höhere Rendite bieten. Dies kann zu einer Wertminderung des Anleiheportfolios führen.
Andererseits werden börsennotierte Aktien durch den Zinsanstieg in Mitleidenschaft gezogen. Die Geldbeschaffung auf dem Markt wird durch den Zinsanstieg teurer, und die Bedienung bestehender Kredite wird teurer und schmälert die Gewinne der Unternehmen.
Handelsbilanz, Import Export - Trade Balance
Die Handelsbilanz misst die Differenz zwischen den Exporten und Importen eines Landes. Eine positive Handelsbilanz kann auf eine gesunde Wirtschaft hindeuten, wovon Unternehmen, die stark von den internationalen Märkten abhängig sind, profitieren können, was sich wiederum auf die Aktienkursentwicklung auswirkt.
Vereinfacht gesagt verdient ein Land/eine Region Geld durch Export oder verschuldet sich durch zu viel Import.
In Deutschland gibt das Statistische Bundesamt alle Daten zur Handelsbilanz öffentlich bekannt.
Industrieproduktionsindex (IPI) - Industrial Production Index (IPI) - Industrial Growt Rate (IGR)
Der Industrieproduktionsindex (IPI) ist ein Maß für die Produktion der verarbeitenden Industrie, des Bergbaus und der Energieversorgung einer Volkswirtschaft. Der IPI wird monatlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht und wird von Wirtschaftswissenschaftlern und Marktanalysten als Indikator für die Wirtschaftsleistung herangezogen.
Dazu werden in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern über 6.000 industrielle Güter bis zum jeweils am 25. des Folgemonats erfasst, wodurch in etwa 80 % der Industrie abgedeckt wird. Die Datenwerden in etwa 38 Tagen nach Ende des Berichtmonats veröffentlicht.
Aus dem Industrieproduktionsindex kann die Industrielle Wachstumsrate (Industrial Growt Rate) berechnet werden, die ebenfalls als wichtiger Indikator für die Wirtschaft gilt.
Weitere Wirtschaftsindikatoren
Weitere wichtige Wirtschaftsindikatoren sind die Anzahl der Baugenehmigungen, Investitionsvolumen durch den Staat im Inland, Einzelhandelsstatistiken und Auftragslage der Unternehmen.
Frühindikatoren unter den Wirtschaftsindikatoren
Als Frühindikator (leading indicator) bezeichnet man einen Wirtschaftsindikator, wenn dieser ein Signal vor einer Veränderung angibt. Wie schon oben erwähnt, steigt zum Beispiel das BIP in einem Land, werden die Aktienkurse langfristig ebenfalls steigen. Fällt das BIP über einen längeren Zeitraum, fallen auch die Aktienkurse.
Dabei muss man immer beachten, wofür ein Wirtschaftsindikator ein Frühindikator ist. In der gängigen Literatur wird in der Regel das Wirtschaftswachstum von einem Land oder einer Region untersucht, und nicht für die Rendite an einem Aktienmarkt, obwohl diese in vielen Fällen zeitverzögert einsetzt.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OCED) gibt regelmäßig einen zusammengesetzten Frühindikator (Composite Leading Indicator, CLI) für die G20 Länder an, also die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Dieser soll nach Angaben der OCED frühzeitige Signale für Wendepunkte in Konjunkturzyklen liefern, die Schwankungen der Wirtschaftstätigkeit um ihr langfristiges Potenzialniveau anzeigen.
CLIs zeigen kurzfristige wirtschaftliche Bewegungen eher in qualitativer als in quantitativer Hinsicht an. Die Corona-Pandemie hat zu einem starken Abfall im April 2020 geführt, der sich in etwas über 8 Monate gestreckt hat, von März 2022 bis August 2020.
Die OCED setzt die Frühindikatoren für jedes Land unterschiedlich zusammen. Für Deutschland sieht die OCED folgende Wirtschaftsindikatoren als Frühindikatoren:
- IFO-Geschäftsklimaindikator
- Umfrage im verarbeitenden Gewerbe - Auftragseingänge/Nachfrage: Tendenz
- Umfrage im verarbeitenden Gewerbe - Exportaufträge: Erwartung
- Umfrage im verarbeitenden Gewerbe - Auftragseingänge
- Umfrage im Verarbeitenden Gewerbe - Fertigwarenlager: Niveau
- Spanne der Zinssätze
- Umfrage im Dienstleistungssektor - Nachfrageentwicklung: zukünftige Tendenz
- Verbraucherumfrage - Vertrauensindikator
(Daten stammen von der EU und dem Statistischen Bundesamt, Umfragen vom IFO.)
Spätindikatoren unter den Wirtschaftsindikatoren
Spätindikatoren ändern sich erst, nachdem ein wirtschaftliches Ereignis stattgefunden hat. Daher sind Spätindikatoren für die Vorhersage von Aktienkursen nicht sinnvoll. Es ist aber sinnvoll, Spätindikatoren für andere Ereignisse für eine Aktienanalyse heranzuziehen. Das könnte z.B. die Höhe des Leitzinses nach einer Krise sein und die Geldmenge nach einer Krise.
Am wichtigsten für Aktienrenditen sind Spätindikatoren nach einem Kursfall, die Einfluss auf die Erholung von dem Markt haben, wodurch die Aktienkurse wieder steigen werden. Dazu zählen in Deutschland die folgenden Wirtschaftsindikatoren:
- Arbeitslosenquote und jährliche durchschnittliche Arbeitslosenquote
- Zahl der gemeldeten offenen Stellen
- Zahl der Unternehmensinsolvenzen
- Inflationsrate
Allgemeiner Einfluss von Wirtschaftsindikatoren auf den Aktienmarkt
Der Aktienmarkt selbst ist ebenfalls ein Indikator für die Stimmung in einer Wirtschaft, die sich auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auswirken kann: Wenn es dem Aktienmarkt gut geht und dieser wächst, deutet dies darauf hin, dass es den Unternehmen gut geht und dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Dies sorgt für Optimismus bei Verbrauchern, Investoren und Unternehmen.
Diese Unternehmen stellen mehr Arbeitskräfte ein, wodurch die Arbeitslosigkeit sinkt, sie nehmen Kredite auf, was verschiedene positive Auswirkungen hat, und mit mehr Geld und mehr Beschäftigten werden mehr Ausgaben getätigt, was den Kreislauf weiter stärkt und das BIP erhöht. Wenn der Aktienmarkt schlecht abschneidet, hat dies einen gegenteiligen Effekt als oben beschrieben.
Obwohl die Anleger die Wirtschaftsindikatoren kennenlernen sollten, sind die Berichte zugegebenermaßen oft trocken und die Daten sind unbearbeitet. Mit anderen Worten: Die Informationen müssen in einen Kontext gestellt werden, bevor sie für Entscheidungen über Investitionen und die Vermögensverteilung hilfreich sein können. Aber diese Rohdaten enthalten wertvolle Informationen über jede Wirtschaft auf der Welt. Die meisten Wirtschaftsindikatoren decken das gesamte Land ab, und viele enthalten eine detaillierte Aufschlüsselung, was für den einzelnen Anleger sehr nützlich sein kann.
Ist die Wirtschaft von einem Staat ähnlich entwickelt wie von einem anderen Staat, kann ein Vergleich der Wirtschaftsindikatoren der ausschlaggebende Punkt für eine Investition in Aktien von einem Unternehmen sein. Vergleicht man die Wirtschaftsindikatoren der Schweiz und Deutschland, steht die Schweiz z.B. bei der Inflation und dem Arbeitsmarkt deutlich besser da.
Dafür verfügt Deutschland über eine stärkere Industrie, deutlich mehr Bevölkerung und dadurch auch ein deutlich höheres BIP. Es gibt weitaus mehr Einflüsse auf die Aktienkurse als die Gewinnmeldungen und Jahresberichte der Unternehmen. Der kluge Anleger weiß, dass er alle wichtigen Wirtschaftsindikatoren im Auge behalten muss, die eine Veränderung an den Märkten signalisieren können.
Einfluss von Wirtschaftsindikatoren auf den Aktienmarkt in Deutschland
Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen über den Einfluss von Wirtschaftsindikatoren und einige analysieren auch den Einfluss auf den Aktienmarkt sowohl in Deutschland, Europa, den USA oder der Einfluss auf die gesamte Welt. Für Anleger an der Börse sind dabei vor allem Vorhersagemodell für die zukünftigen Aktienkurse interessant.
Eine Studie von Kaan Celebi und Michaela Hönig (2019) hat den Einfluss von 24 Wirtschaftsindikatoren über einen Zeitraum von etwa 27 Jahren auf Deutschland (DAX) untersucht. Das Ergebnis ist, dass in den meisten Teilstichproben die folgenden Wirtschaftsindikatoren einen verzögerten Einfluss auf den deutschen Aktienmarkt (DAX) hatten:
- Composite Leading Indicator (OECD) - zusammengesetzter Frühindikator
- Index der Exporterwartungen des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo)
- Exportklima Exportklimaindex (ifo)
- Exporte
- Verbraucherpreisindex (VPI)
- Renditen 3-jähriger deutscher Staatsanleihen
Tom Dietrich
Redakteur
Bachelor-Student im Fach Medien und Kommunikation mit besonderer Begeisterung für Finanzthemen. Börseninvestor seit dem 18. Lebensjahr.