Europa muss jetzt handeln – Über die Abhängigkeit von Seltenen Erden
Autor: Thomas Feldhaus · Zuletzt aktualisiert: 14.04.25
Wirtschaft Finanzen Politik · 8 Min. Lesedauer
Ein Gespräch mit den Rohstoffexperten Andreas Kroll und Andreas Pietsch über ihr Buch "Das Kokain der Industrie", die geopolitische Bedeutung Seltener Erden und warum Europa seine Abhängigkeit von China reduzieren muss.
In diesem Interview:
- Europa ist in eine gefährliche Abhängigkeit von China geraten – insbesondere bei Seltenen Erden.
- China kontrolliert etwa 82 Prozent der weltweiten Produktion von Seltenen Erden und sogar 84 Prozent bei den Dauermagneten.
- Selbst wenn heute entschieden würde, neue Minen in Europa oder den USA zu erschließen, dauert es etwa 10 bis 15 Jahre, bis diese tatsächlich einsatzfähig und produktiv sind.
- Mindestens zwei Billionen US-Dollar müssten investiert werden, um eigene Vorkommen zu erschließen und eine unabhängige Lieferkette aufzubauen.
- Der Aufwand zur Rückgewinnung von Seltenen Erden aus ausgedienten Geräten ist technisch anspruchsvoll, weil die Elemente oft in geringen Mengen und komplexen Verbundstoffen vorliegen.
- Ein grundlegendes Problem ist die mangelnde Investitionsbereitschaft: Nur zwei Prozent der weltweiten Investitionen in Rohstoffexploration stammen aus Europa.
- Europa braucht eine kohärente Rohstoffstrategie mit klaren Zielen und Zeitplänen.
SQ: Herr Kroll, Herr Pietsch, warum haben Sie Ihr Buch "Das Kokain der Industrie" genannt?
Andreas Kroll: Der Titel ist bewusst provokant gewählt, weil jeder andere Titel feige gewesen wäre. Wir wollten damit die Dringlichkeit des Themas verdeutlichen. Europa ist in eine gefährliche Abhängigkeit von China geraten – insbesondere bei Seltenen Erden. China agiert dabei wie ein Dealer, der die Bedingungen diktiert. Diese Abhängigkeit stellt eine ernsthafte Bedrohung für unsere europäische Industrie und damit für unseren Wohlstand dar. Um diese Gefahr abzuwehren, brauchen wir jetzt massive Investitionen und eine strategische Neuausrichtung zur Absicherung und Stärkung der Lieferketten.
SQ: Für Laien klingt "Seltene Erden" nach etwas besonders Außergewöhnlichem. Sind diese Elemente wirklich so selten?
Andreas Pietsch: Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Seltene Erden sind in der Erdkruste gar nicht so selten. Cerium beispielsweise kommt häufiger vor als Kupfer. Das eigentliche Problem liegt in ihrer Gewinnung. Seltene Erden treten meist nicht in reiner oder konzentrierter Form auf, sondern sind in verschiedenen Erzen verteilt und müssen in einem aufwendigen Verfahren voneinander getrennt werden. Ihre "Seltenheit" beruht also nicht auf ihrer geologischen Häufigkeit, sondern auf dem Mangel an wirtschaftlich abbaubaren Lagerstätten mit ausreichend hoher Konzentration.
Zudem sind wir hier maximal von China abhängig, denn nur China verfügt über die Kapazitäten, Seltene Erden in wirtschaftlich relevanten Mengen zu raffinieren. Das macht China zum dominierenden Akteur auf dem Weltmarkt und stellt eine erhebliche strategische Schwachstelle für Europa dar.
"Europa ist in eine gefährliche Abhängigkeit von China geraten – insbesondere bei Seltenen Erden. China agiert dabei wie ein Dealer, der die Bedingungen diktiert. Diese Abhängigkeit stellt eine ernsthafte Bedrohung für unsere europäische Industrie und damit für unseren Wohlstand dar."
Geschäftsführender Gesellschafter Noble Elements GmbH
Andreas Kroll
SQ: Wo kommen Seltene Erden zum Einsatz?
Andreas Kroll: Praktisch überall in unserer modernen Welt. Sie sind unverzichtbar für Permanentmagnete in Windkraftanlagen, Elektromotoren und Industrieanwendungen. Sie stecken in Smartphones, Bildschirmen, Lasern, medizinischen Geräten und vielen Hightech-Komponenten. Besonders wichtig sind sie für die Energiewende: Ein durchschnittliches Elektroauto enthält etwa ein Kilogramm Seltene Erden. Das klingt nicht viel, aber ohne diese Materialien funktioniert die Technologie nicht.
Ein weiterer entscheidender Bereich ist die Künstliche Intelligenz (KI) und Human Robotics. Prognosen zufolge könnte bis 2050 auf jeden Menschen ein Roboter kommen. Um diesen Bedarf zu decken, braucht es enorme Mengen an Rohstoffen, darunter auch Seltene Erden. Diese sind notwendig für die Produktion von Motoren, Sensoren, Antrieben und Steuerungselementen, die in modernen Robotern zum Einsatz kommen. Die Entwicklung in diesem Bereich schreitet rasant voran – umso wichtiger ist es, die Rohstoffversorgung frühzeitig zu sichern, um die technologische Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
SQ: Wie stark ist die Abhängigkeit von China?
Andreas Pietsch: Extrem stark. China kontrolliert etwa 82 Prozent der weltweiten Produktion von Seltenen Erden und sogar 84 Prozent bei den Dauermagneten. Die westlichen Länder haben die umweltbelastende Aufbereitung jahrzehntelang bereitwillig ausgelagert. Diese Ignoranz hat den westlichen Industrieländern kurzfristigen Wohlstand beschert und China eine Quasi-Monopolstellung verschafft.
Die Auswirkungen dieser Abhängigkeit sind gravierend: Europa und die USA sind in entscheidenden Schlüsselindustrien auf chinesische Lieferungen angewiesen. Besonders kritisch wird es, wenn China aufgrund geopolitischer Spannungen oder wirtschaftlicher Interessen die Exporte einschränkt oder verteuert – wie es bereits mehrfach angedroht wurde. Ein aktuelles Beispiel ist die Exportkontrolle von Gallium und Germanium ab Oktober 2024, die bereits jetzt den globalen Markt unter Druck setzt.
Hinzu kommt, dass China nicht nur die Förderung, sondern auch die Weiterverarbeitung dominiert. Selbst wenn alternative Vorkommen erschlossen werden, bleibt das Problem der Veredelung bestehen: Nur China verfügt derzeit über die Kapazitäten, Seltene Erden in wirtschaftlich relevanten Mengen effizient zu raffinieren. Dadurch bleibt die Abhängigkeit selbst bei alternativen Bezugsquellen bestehen.
Ein weiteres Problem ist die zeitliche Dimension: Selbst wenn heute entschieden würde, neue Minen in Europa oder den USA zu erschließen, dauert es etwa 10 bis 15 Jahre, bis diese tatsächlich einsatzfähig und produktiv sind. Das liegt an komplexen Genehmigungsverfahren, umfangreichen Umweltauflagen und dem Aufbau der notwendigen Infrastruktur zur Aufbereitung und Raffinierung. In dieser Zeit bleibt die westliche Industrie weiterhin von chinesischen Importen abhängig.
"Was es vor allem braucht, ist Mut. Mut, strategisch zu investieren und langfristige Projekte anzustoßen, die über Legislaturperioden hinausgehen. Mut, industrielle Unabhängigkeit zu denken und nicht aus kurzfristigen Kostengründen erneut auf billigere Importlösungen zurückzugreifen. Ohne diesen Mut bleiben alle Bemühungen Stückwerk und die Abhängigkeit von China bestehen."
Geschäftsführer Noble BC GmbH
Andreas Pietsch
SQ: Welche Risiken birgt diese Abhängigkeit?
Andreas Kroll: Diese strategische Schwäche gefährdet die technologische Souveränität des Westens. Ohne gezielte Investitionen in die eigene Aufbereitungsinfrastruktur droht Europa weiterhin von den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen Chinas abhängig zu bleiben.
China nutzt seine Machtposition bereits strategisch als Hebel für wirtschaftliche und geopolitische Interessen. Bei Handelskonflikten kann Peking jederzeit den Hahn zudrehen – wie bereits 2010 gegenüber Japan geschehen, als die Exporte Seltener Erden kurzfristig ausgesetzt wurden. Solche Maßnahmen können ganze Produktionsketten lahmlegen und die Innovationskraft in Schlüsselindustrien gefährden.
Die Abhängigkeit birgt insbesondere für Bereiche wie Klimaschutz, Digitalisierung und Verteidigung enorme Risiken. Diese Sektoren sind auf Seltene Erden angewiesen: Ohne sie keine leistungsfähigen Elektromotoren, Windkraftanlagen, Batterien, Smartphones oder Hightech-Waffensysteme. Die Modernisierung unserer Infrastruktur und die Weiterentwicklung von Zukunftstechnologien wären ohne diese Rohstoffe massiv eingeschränkt.
SQ: Gibt es Auswege aus dieser Abhängigkeit?
Andreas Pietsch: Ja, aber sie erfordern Zeit, massive Investitionen und vor allem politischen Willen – und Mut. Mindestens zwei Billionen US-Dollar müssten investiert werden, um eigene Vorkommen zu erschließen und eine unabhängige Lieferkette aufzubauen.
Neue Funde in Europa, etwa in Schweden oder Norwegen, sind vielversprechend. Diese Lagerstätten könnten perspektivisch einen wichtigen Beitrag zur europäischen Rohstoffversorgung leisten. Allerdings sind sie kurzfristig keine Entlastung, da es bis zu 15 Jahre dauern kann, eine Mine tatsächlich in Betrieb zu nehmen. Komplexe Genehmigungsverfahren, Umweltauflagen und die Errichtung der notwendigen Verarbeitungsinfrastruktur sind zeitaufwändig und kostenintensiv.
Auch die Wiederbelebung stillgelegter Minen könnte ein wichtiger Baustein sein, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren. Doch auch hier gilt: Der Prozess ist langwierig und teuer.
Zudem müssen bestehende Minen modernisiert und in den Wertschöpfungsprozess eingebunden werden. Gleichzeitig ist der Aufbau eigener Raffineriekapazitäten unerlässlich, um nicht nur über die Rohstoffgewinnung, sondern auch über die Veredelung selbst zu verfügen.
Doch was es vor allem braucht, ist Mut. Mut, strategisch zu investieren und langfristige Projekte anzustoßen, die über Legislaturperioden hinausgehen. Mut, industrielle Unabhängigkeit zu denken und nicht aus kurzfristigen Kostengründen erneut auf billigere Importlösungen zurückzugreifen. Ohne diesen Mut bleiben alle Bemühungen Stückwerk und die Abhängigkeit von China bestehen.
SQ: Welche Rolle könnte Recycling spielen?
Andreas Kroll: Ein enormes Potenzial. Die Recyclingquote von Seltenen Erden liegt derzeit bei etwa einem Prozent – das ist verschwindend gering. Experten gehen jedoch davon aus, dass eine Quote von mindestens 50 Prozent möglich wäre. Jeder Deutsche produziert durchschnittlich 21 Kilogramm Elektroschrott pro Jahr – ein riesiges, bislang kaum genutztes Rohstoffreservoir. Der entscheidende Punkt ist, dass sich die Technologie zwar weiterentwickelt, die Umsetzung jedoch oft an den hohen Kosten scheitert.
Der Aufwand zur Rückgewinnung von Seltenen Erden aus ausgedienten Geräten ist technisch anspruchsvoll, weil die Elemente oft in geringen Mengen und komplexen Verbundstoffen vorliegen. Dennoch: Wenn Europa ernsthaft die Abhängigkeit von China reduzieren will, muss das Recycling eine zentrale Rolle spielen. Hier braucht es gezielte Förderung, um die Verfahren wirtschaftlich tragfähig zu machen.
SQ: Sie erwähnen im Buch auch alternative Gewinnungsmethoden wie Phytomining. Was hat es damit auf sich?
Andreas Pietsch: Phytomining ist ein faszinierender Ansatz, bei dem metallische Erze mit Hilfe von Pflanzen gewonnen werden. Bestimmte Pflanzen, sogenannte Hyperakkumulatoren, können Metalle aus dem Boden aufnehmen und in ihren Geweben anreichern. Diese Pflanzen werden anschließend geerntet und verarbeitet, um die Metalle zurückzugewinnen.
Technisch ist vieles möglich, aber wie so oft scheitert es bisher an den Kosten und der geringen Ausbeute. Zudem sind geeignete Standorte begrenzt, da die Konzentration der Metalle im Boden hoch genug sein muss. Es wird noch einige Jahre dauern, bis Phytomining eine wirtschaftlich tragfähige Alternative darstellt. Dennoch könnte es in Kombination mit traditionellem Bergbau eine interessante Ergänzung sein, insbesondere auf Böden, die sich für konventionelle Methoden nicht eignen.
SQ: Wie könnte Europa wirklich unabhängig werden?
Andreas Kroll: Unabhängigkeit erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Es geht nicht nur um die Exploration neuer Vorkommen, sondern auch um die Verarbeitung unter Berücksichtigung europäischer Umwelt- und Sozialstandards. Europa muss die gesamte Wertschöpfungskette abdecken – von der Förderung über die Veredelung bis hin zum Recycling.
Erste vielversprechende Projekte gibt es bereits, etwa die Wiedereröffnung stillgelegter Minen oder die Erschließung neuer Vorkommen in Schweden und Norwegen. Doch diese Initiativen decken den Bedarf bei weitem nicht. Vor allem der Aufbau eigener Raffineriekapazitäten ist entscheidend, um die Rohstoffe auch effizient verarbeiten zu können.
Ein grundlegendes Problem ist die mangelnde Investitionsbereitschaft: Nur zwei Prozent der weltweiten Investitionen in Rohstoffexploration stammen aus Europa. Das ist ein alarmierendes Zeichen dafür, dass die Bedeutung strategischer Rohstoffe hier noch nicht ausreichend erkannt wurde. Wenn Europa seine technologische Souveränität zurückgewinnen will, muss sich das dringend ändern. Die Zeit drängt, denn die Rohstofflücke muss jetzt geschlossen werden.
SQ: Was sind Ihre konkreten Empfehlungen für die Politik?
Andreas Pietsch: Europa braucht eine kohärente Rohstoffstrategie mit klaren Zielen und Zeitplänen. Es müssen massive Investitionen in Forschung und Entwicklung fließen – insbesondere für effizientere Recyclingtechnologien, alternative Gewinnungsmethoden wie Phytomining und Substitutionsmöglichkeiten.
Zudem brauchen wir eine stärkere internationale Zusammenarbeit mit rohstoffreichen Ländern jenseits von China, um die Abhängigkeit gezielt zu reduzieren. Strategische Partnerschaften, bilaterale Abkommen und langfristige Lieferverträge könnten hier eine entscheidende Rolle spielen.
Wichtig ist auch die öffentliche Akzeptanz: Umweltschutz und soziale Verantwortung dürfen dabei nicht vernachlässigt werden. Eine transparente Kommunikation über Chancen und Risiken ist unerlässlich, um die Bevölkerung bei diesem Transformationsprozess mitzunehmen.
SQ: Ihr Fazit in einem Satz?
Andreas Kroll: Seltene Erden sind und bleiben das Kokain der Industrie – ein vollständiger Entzug ist nicht möglich. Was es braucht, ist Mut und die Bereitschaft, die erforderlichen finanziellen Mittel bereitzustellen. Europa muss jetzt handeln, wenn es seine technologische Souveränität bewahren will.
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Andreas Kroll & Andreas Pietsch | Das Kokain der Industrie | Europa Verlag | ISBN 978-3-95890-643-3 | 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen, 13,5 × 21,5 cm | 28,00 € (D) / 28,80 € (A) inkl. MwSt.
Thomas Feldhaus
Chefredakteur | Wirtschaftsjournalist
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