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Der Blue Energy Cube und die Zukunft der Wärmeversorgung

Autor: Thomas Feldhaus · Zuletzt aktualisiert: 19.10.26

Wirtschaft Nachhaltigkeit · 12 Min. Lesedauer

Der Blue Energy Cube und die Zukunft der Wärmeversorgung - Titelbild

Wenn Strom und Wärme verlässlich verfügbar sein sollen, reicht es nicht, nur mehr Wind- und Solarleistung zu installieren. Es braucht auch Lösungen für Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind schwach ist. Die Blue Energy Group AG aus Senden setzt dafür auf dezentrale Anlagen, die Biomasse und bestimmte Reststoffe in Strom, Wärme und weitere Energieträger umwandeln können. Im Zentrum steht der Blue Energy Cube. Das Konzept verspricht regelbare Energie auf einer vergleichsweise kleinen Fläche. 

Die Blue Energy Group in Kürze:

  • Wärme ist die Lücke der Energiewende Rund die Hälfte des deutschen Energiebedarfs entfällt auf Wärme, aber nur knapp 20 Prozent davon stammen aus erneuerbaren Quellen. Mit dem Blue Energy Cube liefert die Blue Energy Group regelbare und grundlastfähige Energie aus Waldrestholz, Grünschnitt und nicht recycelbaren Abfällen.
  • Holzvergasung im Kraftwerksmaßstab Bei ihrem Reaktor kommt die Luft über Ringverteiler von innen statt über Düsen von außen. So erreicht er bis zu 2.200 Kilowatt elektrische Leistung auf rund zwölf mal zwölf Metern Grundfläche. Damit eignet er sich ideal für Stadtwerke, Kommunen und Industriebetriebe.
  • Vom Entwickler zum Anlagenbauer Der Prinz-Eugen-Energiepark ist der erste Kunde; das Projekt erhält 4,6 Millionen Euro Bundeszuschuss. Das eigene Heizkraftwerk in Senden liefert Wärme an die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm. Erlöse sollen aus dem Verkauf der Kraftwerke und dauerhaft aus der Brennstofflieferung kommen.

Wer ein Streichholz anzündet, sieht etwas, worüber kaum jemand nachdenkt. Die Flamme sitzt nicht auf dem Holz, sondern ein paar Millimeter darüber. Was dort brennt, ist nicht das Holz selbst, sondern das Gas, das unter Hitze aus ihm austritt. Jochen Sautter, CEO der Blue Energy Group erklärt seine Technik gern mit diesem Bild. Denn genau in dieser Lücke zwischen Holz und Flamme liegt das Geschäftsmodell seines Unternehmens. „Wir wollen das Gas als Produkt haben und nicht die Flamme“, sagt der Gründer und Alleinvorstand.

 

Was nach Physikunterricht klingt, zielt auf einen der größten und zugleich am stärksten vernachlässigten Märkte der Energiewende: die Wärme.

Wärmewende: der unterschätzte Teil der Energiewende

 

Die öffentliche Debatte dreht sich seit Jahren um Solarparks, Windräder und Stromtrassen. Dabei entfällt rund die Hälfte des deutschen Energiebedarfs auf Wärme, auf Strom und Verkehr jeweils nur etwa ein Viertel. Nach Zahlen, auf die sich die Blue Energy Group stützt, stammen im Strombereich inzwischen rund 58 Prozent aus erneuerbaren Quellen, in der Wärmeversorgung dagegen nur rund 18 Prozent. Der Nachholbedarf ist also dort am größten, wo die öffentliche Aufmerksamkeit am geringsten ist.

 

Hinzu kommt ein strukturelles Problem. Photovoltaik und Wind liefern Energie, wenn Sonne und Wind es zulassen. Scheint die Sonne, ist zu viel Strom im Netz, verschwindet sie, ist es zu wenig. Was fehlt, sind regelbare, grundlastfähige Anlagen auf ökologischer Basis. Und Wärme lässt sich anders als Strom nicht über Hunderte Kilometer transportieren. „Strom kann ich über lange Leitungen von der Nordsee nach Bayern bringen. Die Wärme muss immer regional erzeugt werden“, sagt Sautter.

 

Für ihn ist das nicht nur eine technische Feststellung, sondern ein Marktargument. Im regionalen Wärmegeschäft gebe es kaum Konkurrenz durch große Energiekonzerne, weniger Regulierung und bessere Preise. „Wir sind sehr innovativ, aber wir versuchen immer, einfache Geschäftsmodelle zu machen.“

Blue Energy Group - Vom Retter notleidender Anlagen zum Kraftwerkshersteller

 

Die Firmengeschichte beginnt im Juni 2013 mit der Gründung der Blue Energy Europe GmbH und mit einer Liste dessen, was man nicht machen wollte. Sautter suchte ein Geschäft, das ökologisch und wirtschaftlich gleichermaßen trägt. Photovoltaik- und Windanlagen rechneten sich damals nur mit Förderung. „Wir wollten nichts bauen, was nach 20 Jahren, wenn die Subvention wegfällt, als Sondermüll auf der Wiese herumsteht“, sagt er. Biogas aus eigens angebauten Pflanzen schied ebenfalls aus. Die Leitlinie: Geschäftsmodelle, „die aus sich heraus wirtschaftlich funktionieren, ohne subventionsgetrieben zu sein“.

 

In den ersten Jahren übernahm das Team deshalb Energieanlagen, die andere gebaut hatten und die nicht rund liefen. Das bekannteste Beispiel ist das Holzpelletwerk des heutigen Prinz-Eugen-Energieparks: 2012 von einer Kommune für rund 14 Millionen Euro errichtet, 2015 für rund eine Million Euro übernommen und anschließend optimiert. Wer notleidende Projekte kauft, prüft zehn, bevor er eines übernimmt, und sieht dabei unzählige Fehler, ohne sie selbst machen zu müssen. Dieses Lehrgeld anderer wurde zum Fundament der eigenen Entwicklung.

 

Mit der Pandemie, dem Krieg in der Ukraine und den folgenden Krisen veränderte sich der Energiemarkt grundlegend. Jede internationale Erschütterung schlug auf die Energiepreise durch. Für die Blue Energy Group war das der Anlass für einen strategischen Schwenk, weg vom Kauf einzelner Anlagen für die eigene Bilanz, hin zur Rolle als Anlagenhersteller und Lieferant. Statt alle paar Jahre ein Kraftwerk zu sanieren, sollen künftig mehrere pro Jahr an Stadtwerke, Kommunen und Industriebetriebe verkauft werden. Im Dezember 2022 firmierte das Unternehmen zur Blue Energy Group AG um.

Jochen Sautter Vorstand Blue Energy Group AG

„Wir wollen nichts bauen, was nach 20 Jahren, wenn die Subvention wegfällt, als Sondermüll auf der Wiese herumsteht. Wir suchen Geschäftsmodelle, die aus sich heraus wirtschaftlich funktionieren.“

Vorstand Blue Energy Group AG

Jochen Sautter

Holzvergasung neu gedacht: So funktioniert der Blue Energy Cube

 

Technisch beruht der Blue Energy Cube auf der thermochemischen Vergasung, besser bekannt als Holzvergasung. Das Prinzip ist über hundert Jahre alt, zeitweise fuhren Lastwagen mit Holzgasgeneratoren. In der Mobilität setzte sich die Technik wegen des hohen apparativen Aufwands dennoch nicht durch. Im stationären Betrieb dagegen spielt sie ihre Vorteile aus.

 

Der Unterschied zur klassischen Verbrennung: Wer mit Biomasse Strom erzeugen will, muss mit der Flamme Wasser verdampfen, mit dem Dampf eine Turbine antreiben und mit der Turbine einen Generator. Die Blue Energy Group bricht den Prozess früher ab. Im Reaktor herrscht gezielter Sauerstoffmangel, das Holz gast aus, verbrennt aber nicht. Das entstehende Gas ist das eigentliche Produkt. Es kann ein Blockheizkraftwerk antreiben, das Strom und Wärme zugleich liefert, einen Gasbrenner für Prozesswärme versorgen oder als Erdgasersatz ins Netz gehen. Der Prozess wird einfacher, die Anlagen kompakter, die Wirkungsgrade höher.

 

Bewährt ist das Prinzip, bislang aber vor allem im kleinen Maßstab. Etablierte Hersteller haben Hunderte, teils mehr als tausend Anlagen installiert, typischerweise mit einigen Dutzend bis einigen hundert Kilowatt elektrischer Leistung. Das reicht für einen landwirtschaftlichen Betrieb, nicht aber für ein Stadtwerk. Diese Erfahrung machte die Blue Energy Group selbst. Um die großen Blockheizkraftwerke ihres ersten Projekts mit Gas zu versorgen, hätte sie je nach Anbieter 20 bis 65 einzelne Vergaser gebraucht. Für Wartung, Betrieb und Kosten wäre das kaum beherrschbar gewesen.

Der Blue Energy Cube wandelt Biomasse und geeignete Reststoffe in Strom und Wärme um.
Der Blue Energy Cube wandelt Biomasse und geeignete Reststoffe in Strom und Wärme um.

Die Größengrenze liegt im Reaktor. Bei gängigen Anlagen wird die Luft über seitliche Düsen in einen Reaktor von etwa 30 Zentimetern Durchmesser eingeblasen. Wird der Durchmesser größer, erreicht die Luft die Mitte nicht mehr, und der Prozess funktioniert nicht. Die Blue Energy Group hat das Prinzip umgekehrt. „Wir haben den Prozess komplett auf den Kopf gestellt“, sagt Sautter. Die Luft kommt nicht von außen, sondern wird von innen über ringförmige Verteiler eingebracht. Für größere Durchmesser kommen weitere Ringe hinzu. So lässt sich der Reaktor nahezu beliebig vergrößern, bis in den Bereich von 2.200 Kilowatt elektrischer Leistung.

 

Entwickelt hat das Unternehmen die Technik über Jahre in der Praxis. Weiterentwicklungen wurden unter anderem gemeinsam mit Fraunhofer und dem Deutschen Biomasseforschungszentrum durchgeführt. Seit November 2022 betreibt es eine eigene Demonstrationsanlage. Zwei Innovationen sind Gegenstand von Patentanmeldungen, die skalierbare Reaktorgröße, die kommunale und industrielle Anwendungen erst möglich macht, und ein automatisierter Reststoffaustrag, der einen kontinuierlichen Betrieb erlaubt.

Brennstoff aus Waldrestholz, Grünschnitt und Abfällen

 

Ein weiterer Unterschied liegt im Brennstoff. Von einem gefällten Baum werden im Schnitt nur etwa 60 Prozent zu Brettern und Balken. Die übrigen 40 Prozent sind Neben- und Reststoffe, Kronen und Äste, die als Waldrestholz im Wald liegen bleiben, dazu Rinde, Sägespäne und Hackschnitzel aus dem Sägewerk. Viele Vergaser am Markt sind auf hochwertige, entrindete, getrocknete und gesiebte Sägewerkshackschnitzel angewiesen, einen vergleichsweise teuren und spezifischen Rohstoff.

 

Die Blue Energy Group bereitet ihren Brennstoff dagegen in eigenen Anlagen auf und verarbeitet ihn zu sogenannten Blue Energy Sticks. Dafür eignet sich Waldrestholz ebenso wie Grünschnitt von Straßen- und Bahnböschungen, Holz vom kommunalen Wertstoffhof oder nicht recycelbare Abfälle wie Verpackungsreste. Das senkt die Brennstoffkosten und sichert die Investition ab. Denn ein Kraftwerk läuft 20 bis 30 Jahre. „Ich würde mir nicht zutrauen, heute zu entscheiden, welche Rohstoffe wirklich 20 Jahre lang sicher und ständig verfügbar sind“, sagt Sautter. Wer beim Brennstoff flexibel ist, hängt nicht an einem einzigen Rohstoffmarkt.

Der Blue Energy Cube kann erneuerbare Wärme in kommunale Fernwärmenetze einspeisen und lässt sich auch in den städtischen Raum integrieren.
Der Blue Energy Cube kann erneuerbare Wärme in kommunale Fernwärmenetze einspeisen und lässt sich auch in den städtischen Raum integrieren.

Kompakt genug für die Stadtmitte

 

Drittes Argument ist der Platzbedarf. Weil die Brennstoffaufbereitung ausgelagert ist und der Reaktor kompakt bleibt, kommt auch die große Anlage nach Unternehmensangaben mit einer Grundfläche von rund zwölf mal zwölf Metern aus. Konventionelle Biomassekraftwerke dieser Leistungsklasse erstrecken sich laut Sautter über Gebäude von bis zu 200 Metern Länge. Ein Cube kann dagegen dort stehen, wo die Wärme gebraucht wird: am Rand eines Wohnquartiers oder auf einem Werksgelände.

 

Dieter Bornscheuer, im Vertrieb der Blue Energy Group, zieht den Vergleich zu Solar- und Windanlagen, die für die gleiche Leistung ein Vielfaches an Fläche bräuchten. „Wir haben es mit dezentralen, effektiven kleinen Würfeln zu tun.“

Wie die Anlage Kommunen und Industrie bei der Energieversorgung unterstützen soll

Drei Merkmale des Blue Energy Cube

Der Blue Energy Cube verbindet flexible Brennstoffe mit bedarfsgerechter Energieerzeugung und kompakter Bauweise.

Flexibel

Der Blue Energy Cube kann mit verschiedenen Brennstoffen betrieben werden. Das macht ihn flexibel und sichert das Geschäftsmodell ab: Wird ein Brennstoff knapp oder zu teuer, kann auf eine wirtschaftlichere Alternative gewechselt werden.

Regelbar

Der Blue Energy Cube soll Strom und Wärme bedarfsgerecht bereitstellen – regelbar und grundlastfähig, wenn Kommunen oder Betriebe sie benötigen.

Dezentral

Dank seiner kompakten Bauweise lässt sich der Blue Energy Cube dort installieren, wo Strom und Wärme benötigt werden – etwa in der Nähe von Betrieben oder kommunalen Wärmenetzen.

Kommunale Wärmeplanung als Wachstumsmarkt

 

Den größten Markt sieht das Unternehmen in der kommunalen Wärmewende. Das Wärmeplanungsgesetz gibt dafür einen Fahrplan in drei Schritten vor. Erstens sollen bis spätestens Mitte 2028 alle rund 11.000 Kommunen in Deutschland eine Wärmeplanung haben. Viele sind bereits fertig oder mitten in der Arbeit. Zweitens müssen Wärmenetze erweitert oder neu gebaut werden. Bislang werden erst etwa 14 Prozent der Haushalte über Fernwärme versorgt, und diese stammt nur zu rund 20 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Drittens muss die Wärmeerzeugung selbst dekarbonisiert werden. Seit Januar 2024 müssen neue Wärmenetze zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbarer Wärme gespeist werden. Bis 2030 soll die Hälfte der leitungsgebundenen Wärme klimaneutral erzeugt werden, ab 2045 die gesamte.

 

Leitungen verlegen und Straßen aufgraben, das könnten die Stadtwerke vor Ort am besten, sagt Sautter. „Aber dann braucht es noch jemanden, der ein effizientes Kraftwerk draufstellt.“ Genau dort sieht er die Blue Energy Group. Kleine Kommunen kommen mit einer Anlage aus, größere oder topografisch zerklüftete Städte brauchen mehrere.

 

Das Ziel ist ambitioniert: Ein Marktanteil von einem Prozent an der kommunalen Wärmewende entspräche nach Rechnung des Unternehmens einem Umsatzvolumen von 1,5 Milliarden Euro, allein in Deutschland und ohne Industrie- und Auslandsgeschäft. An ihrem Firmensitz in Senden bei Ulm arbeitet die Blue Energy Group bereits mit den örtlichen Stadtwerken an einem Projekt.

Industrie: doppelter Nutzen aus Abfall und Energie

 

Schneller könnte der Durchbruch in der Industrie gelingen. Dort fehlt es seltener an Kapital, und mancher Betrieb verfügt bereits über den Rohstoff, nämlich in Form von Abfällen, deren Entsorgung Geld kostet. Ein Beispiel ist ein großer Glashersteller, mit dem die Blue Energy Group im Gespräch ist. Das Unternehmen produziert in einem Werk täglich rund 3,5 Millionen Flaschen und bezieht dafür Altglas, das über Altglas-Container eingesammelt wird. Mit dem Glas kommen Korken, Etiketten, Folien und allerlei Fremdstoffe, die aussortiert und entsorgt werden müssen, nach Angaben Sautters für mehrere Millionen Euro im Jahr. Gleichzeitig verbraucht das Werk große Mengen Erdgas, um das Glas zu schmelzen.

 

Die Blue Energy Group hat diese Fremdstoffe in eigenen Versuchen zu Brennstoff-Sticks verarbeitet und anschließend in Gas umgewandelt. Vergast können sie einen Teil des Erdgases ersetzen. Die Rechnung des Unternehmens: Die Entsorgungskosten von mehreren Millionen Euro entfallen, zusätzlich sinken die Ausgaben für Erdgas um weitere Millionen Euro im Jahr. Industriebetriebe, so Sautter, brauchten eben nicht nur Energie, manche haben auch ein Abfall-Entsorgungsproblem. Direkt vor Ort aus den täglich anfallenden Abfällen die direkt benötigte Energie zu erzeugen ist nicht nur hoch rentabel, sondern schont auch die Umwelt und verringert Abhängigkeiten und Kostenrisiken.

Das Pelletwerk auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne.
Das Pelletwerk auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne.

Referenzprojekt Prinz-Eugen-Energiepark

 

Wie stark Energiepreise einen Mittelständler treffen können, zeigt die eigene Ausgründung, der Prinz-Eugen-Energiepark. Das Pelletwerk zahlte in den Jahren bis 2019 rund 50.000 Euro Stromkosten im Monat. Mit dem politisch beschlossenen Ausstieg aus Kernkraft und Kohle stiegen sie auf 150.000 bis 200.000 Euro, nach Beginn des Ukraine-Kriegs in der Spitze auf 500.000 Euro monatlich. Heute liegen sie bei rund 130.000 bis 140.000 Euro, bei starker Schwankung. „Nach unten geht es nicht mehr“, sagt Sautter.

 

Der Prinz-Eugen-Energiepark ist zugleich der erste Kunde, der eine Anlage der Blue Energy Group gekauft hat. Mit ihr sollen die Stromkosten auf unter 80.000 Euro im Monat sinken und für die kommenden 20 Jahre stabil bleiben. Das Projekt umfasst rund acht Millionen Euro, davon 4,6 Millionen Euro nicht rückzahlbarer Bundeszuschuss.

 

Die Technik dafür hat sich im Förderwettbewerb „Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft“ des Bundes durchgesetzt, in dem zählt, wie viel Effizienz pro eingesetztem Fördereuro entsteht. Für künftige Kunden ist das ein dauerhaftes Argument: Auch sie können Fördermittel beantragen. Je nach Leistungsklasse kostet eine Anlage zwischen rund zwei und neun Millionen Euro.

Schaufenster vor der Haustür: das Heizkraftwerk in Senden

 

Das wichtigste Projekt im eigenen Bestand liegt am Firmensitz. In Senden besitzt die Blue Energy Group ein Biomasse-Heizkraftwerk, das 2012 errichtet und seit 2020 grundlegend neu konzipiert wurde. Ausgelegt ist es auf 4,5 Megawatt elektrische und 6 Megawatt thermische Leistung. Bei 7.800 Vollbenutzungsstunden soll es jährlich rund 35 Millionen Kilowattstunden Strom und 46,8 Millionen Kilowattstunden Wärme erzeugen. Die Wärme nehmen die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm für die Fernwärmeversorgung in Neu-Ulm und Senden ab, der Strom wird nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz eingespeist. Für den erzeugten Strom wurde eine Vergütung von 18 Cent je Kilowattstunde über 20 Jahre gesichert. Die Wärme wird im Rahmen eines Liefervertrags an die örtlichen Stadtwerke abgegeben.

 

Damit hat das Unternehmen das, was ihm im Vertrieb bislang fehlt: eine eigene kommerzielle Anlage, die Kunden besichtigen können. Die Inbetriebnahme ist für Mitte 2027 vorgesehen. Daneben befinden sich nach Unternehmensangaben weitere Cubes in der Vorbereitung oder in Genehmigungsprozessen.

Nächste Schritte: Referenzen und Finanzierungsmodelle ausbauen

 

Für den weiteren Ausbau setzt Jochen Sautter auf erste Referenzanlagen im laufenden Betrieb. „Die fehlende Referenz ist wirklich ein Problem“, sagt er. Viele Kommunen möchten zunächst beobachten, wie sich die Technik bewährt. Eine kommerzielle Anlage ist derzeit noch nicht in Betrieb; die erste wird gerade aufgebaut. Mit ihr soll die Blue Energy Group praktische Betriebserfahrungen sammeln und die Grundlage für weitere Projekte schaffen.


Auch passende Finanzierungsmodelle spielen eine wichtige Rolle. Viele Kommunen möchten nicht selbst Eigentümer eines Kraftwerks werden, sondern die erzeugte Energie beziehen. Dafür entwickelt die Blue Energy Group Energieliefer-Contracting mit Finanzierungsgesellschaften. Das Modell soll Kommunen verschiedene Wege eröffnen – vom Kauf über Leasing bis zur Finanzierung. Eine endgültige Lösung steht noch aus; Sautter hofft, noch in diesem Jahr einen Partner unter Vertrag zu nehmen. Industriebetriebe sollen ihre Anlagen dagegen meist selbst erwerben.


Das Interesse an der Technologie ist vorhanden: Mit rund 200 kommunalen und industriellen Interessenten führen Sautter und sein Team Gespräche. Besonders bei Industriebetrieben könnten Projekte zügig vorankommen. Die ersten Referenzanlagen und ein passendes Finanzierungsangebot sollen nun helfen, dieses Interesse in konkrete Vorhaben zu überführen.

Geschäftsmodell der Blue Energy Group: Kraftwerke verkaufen, Brennstoff liefern

 

Mit ihrer Core-and-Satellite-Strategie will die Blue Energy Group Kraftwerksbau und Brennstoffversorgung verbinden. Die Kunden kaufen die Kraftwerke, während das Unternehmen zentrale Aufbereitungsanlagen im eigenen Bestand hält und mehrere Standorte mit Brennstoff beliefert. So sollen auf den einmaligen Erlös aus dem Anlagenverkauf langfristige Einnahmen folgen.

 

Parallel arbeitet das Unternehmen an weiteren Anwendungen. Im Rahmen des 7. Energieforschungsprogramms wurde es auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert und hat zwei Forschungsprojekte erfolgreich abgeschlossen. In einem erzeugte es aus Holz und Abfallstoffen Wasserstoff, im anderen Gas aus Klärschlamm. In Folgeprojekten sollen daraus nun kommerzielle Geschäftsfelder werden.

Steckbrief Blue Energy Group

  • Unternehmen Blue Energy Group AG, Senden bei Ulm; Ursprung 2013 als Blue Energy Europe GmbH, seit Ende 2022 AG; Alleinvorstand Jochen Sautter; 14 feste Mitarbeiter
  • Produkt Blue Energy Cube: Holzvergasungskraftwerk bis 2.200 kW elektrisch, Wirkungsgrad rund 35 % elektrisch und 45 % thermisch, Grundfläche rund 12 x 12 m
  • Brennstoff Blue Energy Sticks aus Waldrestholz, Grünschnitt, Sägenebenprodukten und nicht recycelbaren Abfällen
  • Zielgruppen Kommunen und Stadtwerke (kommunale Wärmeplanung), Industriebetriebe
  • Projekte ● Prinz-Eugen-Energiepark: rund 8 Mio. Euro Projektvolumen, 4,6 Mio. Euro Bundeszuschuss. Eigenes Heizkraftwerk Senden: 4,5 MW el. / 6 MW th., Stromabnahme durch EEG; Wärmeabnahme durch die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm
  • Kapitalerhöhung Bis zu 36.649 vinkulierte Namensaktien zu bis zu 115 Euro (max. rund 4,2 Mio. Euro); Angebot auf Grundlage eines BaFin-gestatteten WIB
  • Geschäftsmodell Kraftwerke verkaufen, Brennstoffaufbereitung im Eigentum halten, wiederkehrende Erträge aus der Brennstofflieferung
  • Auszeichnungen Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2024, TOP 100 Innovator, Capital „Innovativste Unternehmen Deutschlands 2026“

Kapitalerhöhung für den Schritt zum Anlagenbauer

 

Forschung und Entwicklung finanzierte das Unternehmen früher über Nachrangdarlehen und Anleihen bei Privatanlegern, in den vergangenen zwei Jahren über Kapitalerhöhungen. Die aktuelle Kapitalerhöhung umfasst bis zu 36.649 neue, nicht börsennotierte Namensaktien zu einem Ausgabepreis von bis zu 115 Euro, insgesamt also bis zu rund 4,2 Millionen Euro. Der größte Teil des Nettoerlöses, rund 3,2 Millionen Euro, ist für die Sanierung des Heizkraftwerks in Senden vorgesehen. Der Rest dient der Tilgung zweier Anleihen und als Liquiditätsreserve. Grundlage des öffentlichen Angebots ist ein von der BaFin gestattetes Wertpapier-Informationsblatt.

 

Langfristig geht es um mehr. Mit weiterem Kapital will die Blue Energy Group eine eigene Fertigung mit Werkstatt, Maschinen und Werkzeugen aufbauen und Brennstoffaufbereitungsanlagen für den eigenen Bestand errichten. Wo das Know-how steckt, in einigen Kernkomponenten sowie in Anlagensteuerung und Digitalisierung, will das Unternehmen selbst fertigen. Was sich zukaufen lässt, bezieht es von Zulieferern als verlängerte Werkbank.

 

Derzeit konzentriert sich die Blue Energy Group auf den Ausbau ihres Geschäfts und will ihre Gewinne zunächst reinvestieren. Bis einschließlich 2027 sind deshalb keine Dividenden vorgesehen. Ein Börsengang ist in naher Zukunft vorgesehen – abhängig davon, wie sich Geschäft und Kapitalmarkt entwickeln.

Auszeichnungen und energiepolitisches Engagement

 

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2024, die Aufnahme in die TOP 100 Innovatoren und die Auszeichnung als eines der innovativsten Unternehmen Deutschlands 2026 durch das Wirtschaftsmagazin Capital geben der Blue Energy Group sichtbare Anerkennung. Jochen Sautter ordnet solche Erfolge pragmatisch ein: Sie stärken das öffentliche Profil, während Fördermittel konkrete Projekte voranbringen.

 

Zugleich bringt er seine Perspektive in die energiepolitische Debatte ein. Als ständiges Mitglied der Bundesfachkommission Energiepolitik des Wirtschaftsrats ist er regelmäßig in Berlin und verfolgt dort aktuelle Gesetzesvorhaben. Für eine stärkere Einspeisung heimischer Gase wie Biogas hatte er sich bereits ausgesprochen. Die vorgesehene „Bio-Treppe“, die den Anteil biogener Gase schrittweise erhöhen soll, weist in eine ähnliche Richtung – und könnte die Nachfrage nach Lösungen aus dem Bereich erneuerbarer Gase langfristig stärken.

Unabhängigkeit als neues Leitmotiv


Bemerkenswert ist, wie Sautter die Argumente gewichtet. Jahrelang habe Klimaneutralität als Verkaufsargument funktioniert, inzwischen wolle das kaum noch jemand hören. „Nur mit Nachhaltigkeit kann man heute nichts mehr gewinnen.“ Was zähle, seien Unabhängigkeit, Regionalität und Preisstabilität, Nachhaltigkeit obendrauf. Deutschland ist nach den Zahlen, auf die sich das Unternehmen beruft, bei seiner Energieversorgung zu rund zwei Dritteln vom Ausland abhängig, bei Öl, Gas und Kohle sogar zu 82 Prozent. Jede Krise treibt die Preise.

 

Ein Kraftwerk, das mit Reststoffen aus der eigenen Region läuft, ist in diesem Umfeld weniger Klimaschutzprojekt als Risikoabsicherung. Ob die Blue Energy Group den Sprung vom Entwickler zum Serienhersteller schafft, entscheidet sich an den ersten kommerziellen Anlagen. Die Bausteine liegen auf dem Tisch, ein gesetzlich getriebener Markt, eine skalierbare Technik und ein Brennstoffmodell mit wiederkehrenden Erträgen.

FAQ Blue Energy Group


Thomas Feldhaus

Thomas Feldhaus

Chefredakteur | Wirtschaftsjournalist

Thomas Feldhaus macht sichtbar, was Wirtschaft antreibt – und was sie verändert. Journalismus trifft Content: präzise, relevant, auf den Punkt.

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