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Startup-Bewertung: Wie viel ist ein junges Technologieunternehmen wirklich wert?

Autor: Thomas Feldhaus · Zuletzt aktualisiert: 31.08.26

Wirtschaft Börse/Aktien · 10 Min. Lesedauer

Startup-Bewertung: Wie viel ist ein junges Technologieunternehmen wirklich wert? - Titelbild

Unternehmensbewertung bei Startups folgt anderen Regeln als bei etablierten Firmen. Entscheidend sind nicht nur Umsatz und Gewinn, sondern auch Technologie, Marktpotenzial, Skalierbarkeit, geistiges Eigentum und die Fähigkeit des Managements, Risiken Schritt für Schritt abzubauen. Beispiele wie Circus SE und die DN Group zeigen, warum klassische Kennzahlen bei jungen Unternehmen häufig zu kurz greifen.

Der Markt für Start-up-Finanzierungen zeigt derzeit ein widersprüchliches Bild. Im ersten Halbjahr 2026 flossen nach Angaben von EY rund 5,3 Milliarden Euro Risikokapital in deutsche Start-ups – 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig sank die Zahl der Finanzierungsrunden um 11 Prozent. Das Kapital konzentriert sich damit zunehmend auf eine kleinere Zahl von Unternehmen.

 

Auch die KfW kommt für das zweite Quartal zu einem ähnlichen Befund: Rund 3,4 Milliarden Euro wurden in deutsche Start-ups investiert. Das hohe Volumen wurde allerdings maßgeblich von wenigen sehr großen Finanzierungsrunden getragen.

 

Was also ist ein Unternehmen wert, das heute kaum Umsatz macht, hohe Verluste schreibt und trotzdem über eine Technologie verfügt, die einen Milliardenmarkt verändern könnte?

 

Die Frage klingt zunächst nach einem klassischen Bewertungsproblem. Tatsächlich gehört sie zu den schwierigsten Aufgaben der Unternehmens- und Investmentanalyse. Denn während etablierte Unternehmen anhand von Umsätzen, Margen, Cashflows und vergleichbaren Transaktionen relativ belastbar bewertet werden können, fehlt bei jungen Unternehmen häufig genau diese Datenbasis.

Startup-Bewertung in Kürze:

  • Startup-Bewertung funktioniert anders als die Bewertung etablierter Unternehmen In frühen Phasen zählen neben Finanzkennzahlen vor allem Technologie, Team, Marktpotenzial und Risikoreduzierung.
  • Skalierbarkeit entscheidet über den Übergang von Vision zu Unternehmenswert Kunden, Unit Economics, Produktion, Logistik und wiederkehrende Umsätze werden mit zunehmender Reife entscheidend.
  • Circus SE und DN Group zeigen zwei unterschiedliche Bewertungswelten Deep Tech wird über Technologie und künftige Cashflows betrachtet, Impact Investments zusätzlich über Nachhaltigkeits- und Wirkungskennzahlen.

Wenn die Bilanz noch nicht die ganze Geschichte erzählt

 

Was ist ein Unternehmen wert, das heute kaum Umsatz macht, hohe Verluste schreibt und trotzdem über eine Technologie verfügt, die einen Milliardenmarkt verändern könnte?

 

Die Frage klingt zunächst nach einem klassischen Bewertungsproblem. Tatsächlich gehört sie zu den schwierigsten Aufgaben der Unternehmens- und Investmentanalyse. Denn während etablierte Unternehmen anhand von Umsätzen, Margen, Cashflows und vergleichbaren Transaktionen relativ belastbar bewertet werden können, fehlt bei jungen Unternehmen häufig genau diese Datenbasis.

 

Das betrifft insbesondere Start-ups aus den Bereichen künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie, Climate Tech oder andere Deep-Tech-Segmente. Hohe Forschungs- und Entwicklungskosten treffen hier auf lange Produktzyklen, unsichere Markteinführungen und teilweise erhebliche regulatorische Hürden.

 

➡️ Die Bewertung muss deshalb eine Brücke schlagen: zwischen dem, was heute messbar ist, und dem, was daraus morgen entstehen könnte.

 

Aktuelle Bewertungsmodelle unterscheiden entsprechend deutlich nach der Entwicklungsphase eines Unternehmens. Während in der Seed-Phase qualitative Verfahren wie Scorecard oder Berkus eine wichtige Rolle spielen, gewinnen mit wachsendem Umsatz Venture-Capital-, Multiplikator- und schließlich DCF-Verfahren an Bedeutung.

Der Wert entsteht oft vor dem Umsatz

 

Eine der größten Besonderheiten junger Technologieunternehmen ist die zeitliche Verschiebung zwischen Investition und Ertrag.

 

Ein Start-up kann über Jahre Kapital in Forschung, Softwareentwicklung, Patente, Prototypen, Produktionsanlagen und den Aufbau eines Vertriebsnetzes investieren, ohne bereits entsprechende Gewinne zu erwirtschaften. Die klassische Gewinn- und Verlustrechnung zeigt dann zunächst vor allem eines: Kosten.

 

Für Investoren stellt sich deshalb eine andere Frage: Welche Risiken wurden bereits beseitigt – und welche wirtschaftlichen Chancen sind dadurch realistischer geworden?

 

Ein funktionierender Prototyp reduziert das Technologierisiko. Ein erster Großkunde reduziert das Marktrisiko. Eine Zulassung reduziert das regulatorische Risiko. Eine belastbare Produktion reduziert das Skalierungsrisiko. Wiederkehrende Umsätze und stabile Unit Economics reduzieren schließlich das Geschäftsrisiko.

 

➡️ Genau diese Entwicklung vom Risiko zur Planbarkeit bildet einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung eines Start-ups ab.

Circus SE als Beispiel für die Bewertungslogik von Deep Tech

 

Wie schwierig diese Entwicklung in der Praxis sein kann, lässt sich an der Münchner Circus SE illustrieren. Das Unternehmen entwickelt autonome Robotik- und KI-Systeme für die Lebensmittelversorgung und befindet sich damit an der Schnittstelle von Physical AI, Robotik und industrieller Automatisierung.

 

Circus zeigt beispielhaft, dass technologische Reife und wirtschaftliche Skalierbarkeit zwei unterschiedliche Größen sind.

 

Im Frühjahr 2026 meldete Circus für seine aktiven CA-1-Systeme eine Systemverfügbarkeit von 92 Prozent. Damit lag die Uptime nach Angaben des Unternehmens deutlich über dem für Kunden relevanten Zielwert von 85 Prozent. Zugleich wurden Systeme unter anderem bei REWE und Meta eingesetzt und weitere Anwendungen im Verteidigungsbereich aufgebaut.

 

Aus Bewertungssicht ist eine solche Kennzahl wichtiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Ein Roboter, der im Labor funktioniert, ist noch kein skalierbares Produkt. Ein System, das dauerhaft unter realen Bedingungen läuft, reduziert dagegen das technologische und operative Risiko.

 

Doch auch dieser Fortschritt garantiert noch keinen wirtschaftlichen Erfolg.

 

Das wurde im Sommer 2026 besonders deutlich. Circus reduzierte die Umsatzprognose für das Gesamtjahr von ursprünglich 44 bis 55 Millionen Euro auf 5,2 Millionen Euro. Gleichzeitig wurde die EBITDA-Prognose deutlich nach unten angepasst. Als wesentliche Ursache nannte das Unternehmen Verzögerungen bei der Einführung und Integration der Systeme.

 

Für eine rein kurzfristige Betrachtung ist das ein erheblicher Rückschlag. Für eine langfristige Unternehmensbewertung stellt sich jedoch eine zusätzliche Frage: Wird durch die Verzögerung ein grundlegendes Geschäftsproblem sichtbar – oder wird gerade eine Voraussetzung für die spätere Skalierbarkeit geschaffen?

 

➡️ Diese Unterscheidung ist bei Technologieunternehmen entscheidend.

 

Dass Hardware und Robotik inzwischen zu den besonders kapitalstarken Segmenten gehören, zeigt auch das aktuelle EY Startup-Barometer: Im ersten Halbjahr 2026 entfielen mehr als 1,6 Milliarden Euro Risikokapital auf Hardware-Start-ups in Deutschland.

Skalierbarkeit: Die eigentliche Bewährungsprobe für Start-ups
 

 

Ein funktionierendes Produkt ist nur der erste Schritt.

 

Bei Hardware- und Robotikunternehmen müssen anschließend zahlreiche weitere Ebenen funktionieren: Produktion, Zulieferer, Logistik, Installation, Wartung, Kundenintegration und Service. Eine Software kann theoretisch millionenfach verteilt werden. Ein physisches Produkt muss dagegen gebaut, transportiert, installiert und betrieben werden.

 

Genau deshalb kann sich die Bewertungslogik bei Physical AI von klassischen Software-Start-ups unterscheiden.

 

Die technologische Entwicklung machte Fortschritte, gleichzeitig erwiesen sich operative Prozesse rund um die Einführung der Systeme als limitierender Faktor. Das Unternehmen musste damit eine zentrale Frage beantworten: Ist es sinnvoller, möglichst viele Systeme schnell auszuliefern – oder zunächst die Voraussetzungen für einen zuverlässigen und wirtschaftlichen Betrieb zu schaffen?

 

➡️ Für Investoren ist das ein klassischer Zielkonflikt zwischen Growth und De-Risking.

 

Ein langsameres Wachstum kann kurzfristig negativ aussehen. Wenn dadurch jedoch ein strukturelles Skalierungsproblem gelöst wird, kann die Entscheidung langfristig sogar wertsteigernd sein.

Warum klassische Bilanzkennzahlen bei Early-Stage-Investments zu kurz greifen

 

Diese Problematik ist nicht auf Technologieunternehmen beschränkt.

 

Auch im Impact Investing können klassische Kennzahlen den wirtschaftlichen und strategischen Wert eines jungen Unternehmens nur teilweise abbilden. Ein Unternehmen kann beispielsweise bereits messbare ökologische oder soziale Wirkung erzeugen, während Umsatz und Gewinn noch vergleichsweise klein sind.

 

Was Impact Investing genau bedeutet und wie es sich von ESG unterscheidet, zeigt dieser Überblick über Impact Investing.

 

Genau hier setzt die Investmentlogik der DN Group an. Die Deutsche Nachhaltigkeit positioniert sich als börsennotierter Impact Investor und investiert nach eigenen Angaben als Ankerinvestor in ausgewählte Nachhaltigkeitsunternehmen. Dabei sollen neben finanziellen Kriterien auch Nachhaltigkeits- und Impact-Aspekte systematisch in den Investmentprozess einbezogen werden.

 

Die DN Group hat dafür einen eigenen mehrstufigen Impact-Investment-Prozess entwickelt. Dieser verbindet unter anderem Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen mit regulatorischen Anforderungen der EU und arbeitet mit ESG-Kriterien und einem eigenen Bewertungsansatz.

 

Das ist aus Bewertungssicht interessant, weil es ein grundsätzliches Problem sichtbar macht:

 

➡️ Nicht jeder relevante Wert lässt sich unmittelbar in Umsatz oder EBITDA übersetzen.

 

Bei einem Deep-Tech-Unternehmen können Patente, Daten, technologische Reife oder Produktionskompetenz entscheidend sein. Bei einem Impact-Unternehmen können messbare ökologische oder soziale Wirkungen Hinweise auf die zukünftige Marktposition liefern.

 

Das bedeutet allerdings nicht, dass solche Faktoren die klassische Finanzanalyse ersetzen. Sie ergänzen sie.

 

Letztlich muss auch ein nachhaltiges Geschäftsmodell zeigen, dass es einen Markt adressiert, Kunden gewinnt, Kapital effizient einsetzt und langfristig wirtschaftlich tragfähig sein kann.

Welche Faktoren bestimmen den Wert eines Start-ups?

 

Je früher sich ein Unternehmen in seinem Lebenszyklus befindet, desto stärker verschiebt sich die Bewertung von harten Finanzkennzahlen hin zu qualitativen und operativen Faktoren.

 

1. Management - Ein erfahrenes Gründer- und Managementteam kann ein erheblicher Werttreiber sein. Entscheidend ist nicht allein der Lebenslauf, sondern die Fähigkeit, Technologie, Kapital und Organisation in Wachstum zu übersetzen.

 

2. Marktpotenzial - Eine hervorragende Technologie ist wenig wert, wenn der adressierbare Markt zu klein ist. Investoren betrachten deshalb Marktgröße, Wachstum, Wettbewerb und strukturelle Nachfrage.

 

3. Technologie - Patentierbarkeit, technologische Leistungsfähigkeit, Datenbestände, Software und Know-how können einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil schaffen.

 

4. Marktzugang - Pilotkunden, strategische Partnerschaften, Vertriebskanäle und regulatorische Zulassungen können das Risiko des Markteintritts erheblich reduzieren.

 

5. Skalierbarkeit - Die zentrale Frage lautet: Kann das Unternehmen seinen Umsatz vervielfachen, ohne dass die Kosten im gleichen Verhältnis steigen?

 

6. Unit Economics - Mit zunehmender Reife rückt die Wirtschaftlichkeit einzelner Kunden, Produkte oder Systeme in den Mittelpunkt. Entscheidend sind unter anderem Herstellkosten, Vertriebskosten, Bruttomarge, Kundenwert und Wiederkaufs- beziehungsweise Nutzungsraten.

 

7. Kapitalbedarf - Besonders bei Deep Tech muss berücksichtigt werden, wie viel zusätzliches Kapital bis zum Break-even benötigt wird und wie stark weitere Finanzierungsrunden die bisherigen Anteilseigner verwässern.

Die Berkus-Methode: Wenn es noch kaum Zahlen gibt

 

In der frühen Phase eines Start-ups stößt die DCF-Methode schnell an ihre Grenzen. Fehlen belastbare Umsätze und verlässliche Cashflows, hängen langfristige Prognosen zwangsläufig von zahlreichen Annahmen ab. Je weiter die erwarteten Erträge in der Zukunft liegen, desto größer wird dabei die Unsicherheit der Bewertung.

 

Hier kommen Verfahren wie die Berkus-Methode ins Spiel. Sie wurde in den 1990er-Jahren vom US-amerikanischen Angel-Investor Dave Berkus entwickelt und zählt zu den frühen Ansätzen für die Bewertung von Start-ups, die noch keine belastbaren Umsätze vorweisen können. Statt mögliche Gewinne in ferner Zukunft zu prognostizieren, richtet sie den Blick darauf, wie viel unternehmerisches Risiko bereits reduziert wurde. Im Mittelpunkt stehen traditionell Faktoren wie die Geschäftsidee, ein funktionierender Prototyp, das Managementteam, strategische Partnerschaften und erste Anzeichen von Markttraktion.

 

➡️ Die Grundidee ist einfach: Je mehr zentrale Risiken ein Start-up nachweislich ausgeräumt hat, desto besser lässt sich sein Unternehmenswert begründen.

 

Die Stärke der Berkus-Methode liegt in ihrer einfachen und nachvollziehbaren Systematik. Ihre Schwäche ist die subjektive Bewertung einzelner Faktoren. Gerade bei kapitalintensiven Deep-Tech-Unternehmen können die ursprünglich mit der Methode verbundenen Wertansätze zudem schnell an ihre Grenzen stoßen. Sie sind jedoch nicht als starre Obergrenzen zu verstehen: Berkus selbst weist darauf hin, dass die Beträge an das jeweilige Marktumfeld, die Branche und die konkrete Risikostruktur eines Unternehmens angepasst werden können.

Die Scorecard-Methode: Vergleich statt Bauchgefühl

 

Die Scorecard-Methode setzt stärker auf den Marktvergleich.

 

Dabei wird zunächst betrachtet, wie vergleichbare Start-ups in derselben Region, Branche und Entwicklungsphase bewertet werden. Anschließend wird das Zielunternehmen anhand verschiedener Faktoren relativ zu diesem Vergleichswert eingestuft.

 

Management, Marktpotenzial, Technologie, Wettbewerb und Vertrieb können dabei unterschiedlich gewichtet werden.

 

➡️ Der Vorteil: Die Bewertung orientiert sich stärker an realen Finanzierungstransaktionen.

 

Der Nachteil: Auch hier bleiben wichtige Einschätzungen subjektiv. Ein außergewöhnlich gutes Team oder eine Technologie mit kaum vergleichbaren Wettbewerbern lässt sich nicht ohne Weiteres in eine standardisierte Vergleichsgruppe pressen.

Die Risikofaktor-Summationsmethode

 

Eine weitere Möglichkeit ist die systematische Bewertung einzelner Risiken.

 

Technologie, Management, Finanzierung, Wettbewerb, Regulierung und Markteintritt werden separat betrachtet und positiv oder negativ bewertet.

 

Gerade für Unternehmen mit komplexen regulatorischen oder technologischen Anforderungen kann dieser Ansatz hilfreich sein. Eine Zulassung kann beispielsweise ein erhebliches Risiko eliminieren. Ein ungelöstes Produktionsproblem kann den Unternehmenswert dagegen deutlich belasten.

 

➡️ Das Grundprinzip bleibt immer gleich: Bewertet wird nicht nur, was bereits erreicht wurde, sondern auch, welche Risiken auf dem Weg zum Ziel noch bestehen.

Venture-Capital-Methode: Vom Exit zurück zum heutigen Wert

 

➡️ Mit zunehmender Unternehmensreife wird die Bewertung finanzmathematischer. 

 

Die Venture-Capital-Methode beginnt mit der Frage, welchen Wert das Unternehmen beim späteren Exit erreichen könnte. Ausgehend von einem erwarteten Umsatz oder EBITDA wird ein entsprechendes Exit-Multiple angesetzt.

 

Anschließend wird dieser zukünftige Wert mit der vom Investor geforderten Rendite auf den heutigen Zeitpunkt zurückgerechnet.

 

Besonders wichtig ist dabei die Verwässerung. Wenn ein Start-up auf dem Weg zum Exit weitere Kapitalrunden benötigt, werden neue Aktien ausgegeben. Der Anteil eines frühen Investors sinkt entsprechend. Eine realistische Bewertung muss deshalb nicht nur den zukünftigen Unternehmenswert, sondern auch die Finanzierung des Weges dorthin berücksichtigen.

Die wichtigsten Bewertungsmethoden für Start-ups unterscheiden sich je nach Entwicklungsphase und Datenbasis.
Die wichtigsten Bewertungsmethoden für Start-ups unterscheiden sich je nach Entwicklungsphase und Datenbasis.

First Chicago: Nicht nur eine Zukunft, sondern mehrere

 

Eine der größten Schwächen von Start-up-Bewertungen ist die Abhängigkeit von einem einzigen Businessplan. Die First-Chicago-Methode versucht dieses Problem zu reduzieren, indem mehrere Szenarien modelliert werden.

 

Typischerweise werden ein Best Case, ein Base Case und ein Worst Case betrachtet. Jedem Szenario wird eine Eintrittswahrscheinlichkeit zugeordnet. Aus den jeweiligen Unternehmenswerten wird anschließend ein gewichteter Erwartungswert ermittelt.

 

➡️ Gerade bei jungen Technologieunternehmen ist dieser Ansatz plausibel.

 

Denn die Realität verläuft selten exakt nach dem Businessplan. Ein Unternehmen kann schneller skalieren als erwartet, Jahre hinter den Planungen zurückbleiben oder an einem einzelnen technologischen beziehungsweise operativen Problem scheitern.

 

Eine Szenarioanalyse macht diese Unsicherheit sichtbar, statt sie hinter einer einzigen Prognose zu verstecken.

DCF-Bewertung: Wann der Ansatz bei Start-ups sinnvoll wird

 

Die Discounted-Cash-Flow-Methode ist theoretisch besonders attraktiv: Der Wert eines Unternehmens entspricht dem heutigen Wert seiner künftig erwarteten freien Cashflows.

 

Das Problem beginnt bei der Prognose. Wenn ein Start-up zunächst hohe Verluste macht und erst in einigen Jahren profitabel werden soll, hängt ein großer Teil des errechneten Unternehmenswertes von weit in der Zukunft liegenden Annahmen ab.

 

Eine kleine Änderung beim Umsatzwachstum, bei der Marge, beim Diskontierungssatz oder beim Terminal Value kann den errechneten Unternehmenswert erheblich verändern.

 

➡️ Deshalb ist ein DCF-Modell bei einem sehr jungen Unternehmen weniger eine exakte Wahrheit als ein Werkzeug zur transparenten Darstellung von Annahmen.

 

Mit zunehmender Reife verändert sich allerdings die Situation. Sobald Umsätze, Margen und Cashflows belastbarer werden, gewinnt die DCF-Methode erheblich an Aussagekraft.

Multiples: Was zahlt der Markt?

 

Eine weitere wichtige Perspektive liefert der Vergleich mit anderen Unternehmen.

 

Bei profitablen Unternehmen werden häufig EBITDA-Multiples verwendet. Bei wachstumsstarken Technologieunternehmen mit noch negativen Ergebnissen kann dagegen das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz eine größere Rolle spielen. 

 

Die Stärke dieses Ansatzes liegt in seiner Marktnähe. 

 

➡️ Er beantwortet eine einfache Frage: Was sind vergleichbare Unternehmen tatsächlich wert?

 

Die Schwäche liegt ebenfalls auf der Hand: Kein Unternehmen ist vollständig mit einem anderen vergleichbar.

 

Ein Patentportfolio, ein besonders starkes Netzwerk, regulatorische Vorteile oder ein einzigartiges Geschäftsmodell können dazu führen, dass ein Unternehmen eine andere Bewertung verdient als seine Peer Group.

Der entscheidende Faktor: Wettbewerbsvorteile, die schwer kopierbar sind

 

Für langfristig hohe Bewertungen reicht Wachstum allein nicht aus. 

 

➡️ Investoren suchen nach sogenannten Moats – Wettbewerbsvorteilen, die einen Konkurrenten davon abhalten, das Geschäftsmodell einfach zu kopieren.

 

Bei einem Softwareunternehmen können das Daten, Netzwerkeffekte oder proprietäre Algorithmen sein. Bei einem Deep-Tech-Unternehmen kommen Patente, Produktionsverfahren, Zulassungen und spezialisierte Lieferketten hinzu.

 

Bei Circus SE ist genau diese Kombination interessant: Robotik, KI-Software, Produktionskompetenz und operative Infrastruktur sollen gemeinsam ein Ökosystem bilden. Die Übernahme von K-Robotics und die Erweiterung des Portfolios um weitere Robotiktechnologien zeigen zudem, wie Technologieunternehmen versuchen können, ihre IP-Basis auszubauen.

 

Bei der DN Group liegt der Ansatz anders. Hier steht nicht die Entwicklung eines eigenen Robotiksystems im Vordergrund, sondern die Auswahl und Begleitung von Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen. Der Investmentprozess soll dabei bereits bei der Investitionsentscheidung ESG- und Impact-Aspekte systematisch berücksichtigen.

 

Beide Beispiele zeigen damit unterschiedliche Formen von Wertschöpfung.

Impact ist kein Ersatz für Rendite – aber ein zusätzlicher Bewertungsfaktor

 

Die Diskussion um Impact Investing führt zu einer wichtigen Erweiterung der klassischen Bewertungslogik.

 

Ökologische oder soziale Wirkung ist nicht automatisch wirtschaftlicher Wert. Ein Unternehmen kann einen hohen gesellschaftlichen Nutzen erzeugen und trotzdem kein tragfähiges Geschäftsmodell besitzen.

 

Umgekehrt kann ein Geschäftsmodell wirtschaftlich erfolgreich sein, obwohl seine Wirkung nur begrenzt positiv ist.

 

➡️ Für Investoren wird deshalb zunehmend interessant, ob Impact und wirtschaftliche Entwicklung miteinander verbunden sind.

 

Ein Unternehmen, das beispielsweise eine kostengünstige Lösung für einen wachsenden Markt entwickelt und gleichzeitig messbare Ressourcen- oder Emissionseinsparungen erzielt, kann aus beiden Entwicklungen einen Wettbewerbsvorteil gewinnen.

 

Die DN Group versucht, diese Verbindung über einen strukturierten Impact-Investment-Prozess abzubilden. Nach eigenen Angaben werden dabei Nachhaltigkeitskriterien, Bewertungsmodelle und ein eigener ESG-Score miteinander verbunden.

 

Damit wird Impact zu einem Bestandteil der Due Diligence – nicht zu einem Ersatz für die Finanzanalyse.

Zwei Beispiele, ein gemeinsames Bewertungsproblem

 

Circus SE und DN Group stehen für zwei unterschiedliche Seiten derselben Frage.

 

Bei Circus geht es um die Bewertung eines Technologieunternehmens, dessen langfristiger Wert davon abhängt, ob aus funktionierender Robotik ein skalierbares und profitables Geschäftsmodell entsteht.

 

Bei der DN Group geht es um die Bewertung eines Beteiligungsmodells, bei dem die Qualität des Portfolios, der Wert der Beteiligungen und die Fähigkeit zur Identifikation und Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle entscheidend sind.

 

Wie die DN Group diesen Ansatz konkret umsetzt, zeigt die Analyse von Portfolio, Beteiligungen und Impact-Strategie

 

Interessant ist, dass sich auch die Bewertungsansätze unterscheiden können. Für eine Beteiligungsgesellschaft mit einem umfangreichen Portfolio kann beispielsweise der Net Asset Value – also der Wert der Vermögenswerte abzüglich Verbindlichkeiten – eine zentrale Größe sein. Eine GBC-Analyse bewertete die DN Group 2026 entsprechend über einen NAV-Ansatz.

 

Bei einem einzelnen Deep-Tech-Unternehmen steht dagegen stärker die Frage im Mittelpunkt, welche zukünftigen Cashflows aus Technologie, Kundenbasis und Skalierung entstehen können.

 

➡️ Die richtige Bewertungsmethode hängt damit nicht nur vom Unternehmen, sondern auch von dessen Geschäftsmodell und Entwicklungsphase ab.

Was Investoren bei jungen Technologieunternehmen wirklich prüfen

 

Am Ende lässt sich die Bewertung eines Start-ups auf einige zentrale Fragen herunterbrechen:

 

  • Technologie: Funktioniert das Produkt tatsächlich?
  • Markt: Gibt es eine ausreichend große und wachsende Nachfrage?
  • Kunden: Sind aus Interessenten zahlende Kunden geworden?
  • Skalierung: Kann das Unternehmen seine Lösung in großen Stückzahlen anbieten?
  • Unit Economics: Wird jede zusätzliche Einheit wirtschaftlich attraktiver?
  • Kapital: Reicht die Finanzierung bis zum nächsten entscheidenden Meilenstein?
  • Wettbewerb: Wie leicht kann die Technologie kopiert werden?
  • Management: Kann das Team die nächste Entwicklungsphase tatsächlich bewältigen?
  • Risiko: Welche zentralen Unsicherheiten sind noch ungelöst?
  • Exit: Gibt es einen realistischen Weg zu einem strategischen Verkauf, Börsengang oder anderen Liquiditätsereignis?

 

➡️ Diese Fragen sind häufig aussagekräftiger als eine einzelne Kennzahl.

 

 

Die Bewertung verändert sich mit dem Unternehmen

 

➡️ Eine Startup-Bewertung ist deshalb keine statische Zahl.

 

In der frühen Phase dominieren Idee, Team, Technologie und Risikoreduzierung. Mit dem ersten Produkt kommen Kunden und Markttraktion hinzu. In der Skalierungsphase werden Umsatzwachstum, Bruttomarge, Unit Economics und Produktionsfähigkeit wichtiger. Später rücken Cashflows, Kapitalkosten und nachhaltige Profitabilität in den Mittelpunkt.

 

Auch Deloitte ordnet Bewertungsverfahren entsprechend dem Entwicklungsstadium junger Unternehmen unterschiedlichen Phasen zu: Qualitative Verfahren spielen insbesondere in der Seed- und frühen Entwicklungsphase eine Rolle, während später Multiplikator-, Venture-Capital- und schließlich DCF-Verfahren an Bedeutung gewinnen.

 

Das erklärt auch, warum dieselbe Firma innerhalb weniger Jahre völlig unterschiedlich bewertet werden kann, ohne dass eine der Bewertungen zwangsläufig „falsch“ sein muss.

 

Die zugrunde liegende Frage hat sich verändert.

Fazit: Der Unternehmenswert liegt zwischen Gegenwart und Zukunft

 

Die Bewertung junger Technologieunternehmen ist weniger eine Frage nach der einen richtigen Formel als nach der richtigen Kombination von Methoden.

 

Berkus und Scorecard helfen dort, wo kaum belastbare Finanzdaten existieren. Risikofaktormodelle machen Unsicherheiten sichtbar. Die Venture-Capital-Methode verbindet heutigen Wert mit einem möglichen zukünftigen Exit. Szenarioanalysen zeigen, wie stark unterschiedliche Entwicklungen den Unternehmenswert beeinflussen können. DCF-Modelle gewinnen an Aussagekraft, sobald Umsätze und Cashflows planbarer werden. Multiples schließlich liefern die notwendige Kontrolle durch den realen Markt.

 

➡️ Der entscheidende Punkt ist dabei immer derselbe: Technologie allein ist noch kein Unternehmenswert.

 

Erst wenn aus Technologie ein funktionierendes Produkt, aus einem Produkt ein belastbares Geschäftsmodell und aus einem Geschäftsmodell skalierbare Cashflows werden, materialisiert sich der wirtschaftliche Wert.

 

Circus SE zeigt diese Herausforderung im Bereich Physical AI besonders deutlich: Technologische Fortschritte können erheblich sein, während die wirtschaftliche Skalierung durch operative Faktoren wie Integration, Produktion oder Logistik gebremst wird. Die Entwicklung der Umsatzprognose 2026 verdeutlicht, wie groß die Lücke zwischen technologischer Reife und kommerzieller Skalierbarkeit sein kann.

 

Die DN Group wiederum zeigt, dass auch bei Impact-Investments zusätzliche Kriterien relevant werden können, wenn der zukünftige Wert eines Unternehmens nicht allein durch klassische Finanzkennzahlen erfasst wird. Nachhaltigkeitswirkung, ESG-Qualität und Entwicklungspotenzial können Bestandteil einer strukturierten Investmentprüfung sein.

 

Damit verändert sich auch die Aufgabe des Investors.

 

Er muss nicht nur fragen, was ein Unternehmen heute wert ist. Er muss beurteilen, welche Voraussetzungen heute geschaffen werden, damit daraus morgen wirtschaftlicher Wert entstehen kann.

 

Genau darin liegt die eigentliche Kunst der Startup-Bewertung: Zukunftspotenzial nicht mit Wunschdenken zu verwechseln – und gleichzeitig nicht den Fehler zu machen, einen jungen Technologieanbieter ausschließlich nach den Zahlen seiner Vergangenheit zu beurteilen.

FAQ Startup-Bewertung


Thomas Feldhaus

Thomas Feldhaus

Chefredakteur | Wirtschaftsjournalist

Thomas Feldhaus macht sichtbar, was Wirtschaft antreibt – und was sie verändert. Journalismus trifft Content: präzise, relevant, auf den Punkt.

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