The Line - Utopia in Saudi-Arabien
Autor: Heino Zießnitz · Zuletzt aktualisiert: 02.04.25
Wirtschaft · 8 Min. Lesedauer
Neom THE LINE: Vision und Fortschritt
THE LINE ist ein im Bau befindliches Bandstadt-Gebäude in Saudi-Arabien, das ohne Autos, Straßen und Kohlendioxidemissionen auskommen soll. Als Teil des Projekts Saudi Vision 2030 ist die Stadt eine von neun angekündigten Regionen vom visionären Stadtbauprojekt NEOM.
Die saudische Regierung prognostizierte, dass das Projekt 380.000 bis 460.000 Arbeitsplätze schaffen und damit das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 48 Milliarden US-Dollar erhöhen wird. Der Plan für THE LINE wurde erstmals am 10. Januar 2021 vom saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman im Staatsfernsehen vorgestellt.
Das Projekt wird durch futuristische Architektur auf drei Ebenen und durch den vollständigen Betrieb mit erneuerbaren Energien beschrieben. Es soll nicht nur als urbanes Zentrum, sondern auch als technologischer und wirtschaftlicher Katalysator für die Region dienen.
Der Fortschritt von The Line ist jedoch mit Herausforderungen wie Umweltbedenken, Menschenrechtsfragen und Zweifel an der Machbarkeit konfrontiert. Trotz aller Kritik bleibt THE LINE ein faszinierendes Beispiel für den Versuch, die Zukunft der urbanen Lebensweise neu zu definieren.
Die geplante Länge von 170 km wird in absehbarer Zeit nicht erreicht. Im ersten Bauabschnitt sollen zunächst 2,4 km gebaut werden. Spätere Bauabschnitte sollen folgen.
Die Bandstadt, auch Linearstadt genannt, ist eine langgestreckte, schmale Stadt entlang eines Transportwegs. Sie wurde 1882 von Arturo Soria y Mata als Antwort auf die städtischen Probleme der Industrialisierung konzipiert.
The Line - Dimensionen und Architektur
Ursprüngliche Planung
THE LINE sollte ein 170 km langes, schnurgerades Bauwerk werden, das sich von Neom am Roten Meer bis südlich der Stadt Tabuk erstreckt. Es war vorgesehen Wohn- und Arbeitsraum für 9 Millionen Menschen zu schaffen.
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The Line - 3 Ebenen
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| Oberirdische Ebene |
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| Mittlere Ebene |
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| Unterirdische Ebene |
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Aktualisierte Pläne
2024 wurden die Ziele neu angepasst. Statt der 170 km langen Anlage konzentriert sich das Projekt nun darauf zunächst eine 2,4 Kilometer lange Bandstadt zu errichten, die etwa 300.000 Menschen beherbergen kann.
Gestaltung
The Line soll 200 Meter breit werden. Aneinander gereiht sollten 1000 Hochhäuser entstehen. Die Hochhäuser sollen 500 Meter hoch werden. Die verspiegelten Fassaden sollen das Bauwerk vor der Sonneneinstrahlung schützen und es visuell in die Wüstenlandschaft integrieren.
Im Inneren ist ein begrüntes Atrium entlang der gesamten Länge geplant, das entweder offen oder mit einem durchgehenden Dach gestaltet ist.
Die gesamte Anlage soll klimaneutral sein und vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben werden.
The Line - Aktueller Stand und Baufortschritt
Baubeginn
Die ersten Erdbauarbeiten begannen im November 2021. Bereits 2022 wurden umfangreiche Erdarbeiten dokumentiert, die sich über fast die gesamte Länge der geplanten Stadt erstreckten. Auf einem fünf Kilometer langen Abschnitt allein wurden 425 Bagger und Lastwagen gezählt.
Bauzeit
Bis 2030 sollen die ersten 2,4 Kilometer fertiggestellt werden. Die langfristige Vision, bis 2045 eine 170 Kilometer lange Stadt für neun Millionen Menschen zu errichten, bleibt jedoch unsicher.
Verzögerungen
Im April 2024 wurden Berichte über langsame Fortschritte bekannt. Satellitenbilder und Berichte von Baustellen deuten darauf hin, dass die Umsetzung des Megaprojektes schwieriger wird als erwartet.
Modelle und Entwürfe
Ein begehbares Großmodell von Neom wurde im September 2023 auf Initiative des saudischen Königshauses in Venedig präsentiert. Es zeigt die visionären Pläne und dient als Inspiration für potenzielle Investoren.
The Line - Kosten und Investitionen
Baukosten
Die geschätzten Kosten variieren stark. Ursprüngliche Berechnungen lagen zwischen 100 und 200 Milliarden US-Dollar, doch neuere Schätzungen sprechen von bis zu einer Billion US-Dollar.
Finanzierung
Das Projekt wird durch den saudischen Public Investment Fund (PIF) sowie internationale Investoren unterstützt. Durch das Projekt sollen zusätzliche Einnahmen durch den Tourismus generiert werden. Der Tourismus soll sich perspektivisch für Saudi-Arrabien zu einer alternativen Einnahmequelle entwickeln, um die Abhängigkeit von den Erdöleinnahmen zu verringern.
The Line - Kritik und Herausforderungen
Umweltauswirkungen
Naturschützer befürchten, dass die Spiegelwände der Stadt die Lebensräume von Vögeln beeinträchtigen und andere Wildtiere stören könnten. Außerdem würden die umfangreichen Bauarbeiten empfindliche Wüstenökosysteme zerstören.
Menschenrechtsverletzungen
Das Projektgebiet befindet sich auf dem Land des indigenen Stammes der Howeitat. Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch dokumentieren Enteignungen, Vertreibungen und sogar Todesurteile gegen Stammesmitglieder, die Widerstand leisteten.
Viele Gastarbeiter berichten von schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigen Löhnen und hitzebedingten Gesundheitsproblemen. Medienberichten zufolge sollen während der Bauarbeiten bereits 21.000 Menschen gestorben sein.
Der WDR berichtete in seiner Reportage "Uncover in Saudi-Arabien" über Sklaverei und Ausbeutung der Arbeiter.
Dystopische Vision
Kritiker sehen in THE LINE eine künstliche und sterile Anlage, die von der realen Bedürfniswelt der Menschen entfremdet ist.
The Line soll eine sogenannte Sonderwirtschaftszone werden, eine autonome Zone mit eigenem Rechtssystem. Hier sollen andere Gesetze gelten, als im Rest von Saudi-Arabien.
Dies soll ausländische Investoren anlocken, die noch Vorbehalte gegen die Gesetze im Land haben. Auch soll in dieser Sonderwirtschaftszone besondere Steuererleichterungen geben, die es für Ausländer attraktiv macht sich hier anzusiedeln.
The Line - Leadership und organisatorische Herausforderungen
Führungswechsel
Der bisherige CEO des Projekts, Nadhmi al-Nasr, ist 2024 nach 6-jähriger Tätigkeit zurückgetreten. Seine Führungsmethoden waren menschenverachtend und stießen auf zahlreiche Widerstände.
Sein Nachfolger, Aiman Al-Mudaifer, bringt Erfahrung aus der Leitung der Immobiliensparte des PIF mit. Sein Ziel ist es, die Effizienz des Projekts zu erhöhen und die bisher umstrittenen Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Projektanpassungen
Die laufenden Verzögerungen und Herausforderungen haben zu mehrfachen Änderungen des Masterplans geführt. Die Vision einer 170 km langen Stadt wurde auf einen 2,4 km langen Abschnitt reduziert, um zumindest einen kurzfristigen Erfolg zu verbuchen.
Nach Indiderinformationen mangelte es dem PEF zwischenzeitlich an Liquidität, da das Budget für 2024 lange nicht freigegeben wurde.
Hohe Beamte des saudischen Regierung äußerten ihre Besorgnis über die zu erwartenden Kosten des Mega-Projekts.
Heino Zießnitz
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