Food-Tech im Supermarkt: REWE setzt auf den CA-1 von Circus SE
Autor: Thomas Feldhaus · Zuletzt aktualisiert: 07.03.26
Wirtschaft · 8 Min. Lesedauer
Ein heißes Gericht aus der Maschine – servierfertig in wenigen Minuten und ganz ohne Koch am Herd. In ausgewählten Märkten der REWE-Region West bietet der Handelskonzern den autonomen Kochroboter CA-1 des Münchner Technologieunternehmens Circus SE an. Damit übernimmt REWE eine Pionierrolle im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Die Kundschaft reagiert neugierig, die Mitarbeitenden zeigen sich aufgeschlossen – und auch in der Branche wird das neue Angebot aufmerksam verfolgt.
Food-Tech im Supermarkt in Kürze:
- Automatisierung als Strategie: Der CA-1 von Circus SE adressiert gleichzeitig Personalmangel, Margendruck und steigende Convenience-Nachfrage – und positioniert sich damit als systemische Antwort auf die wichtigsten Herausforderungen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel.
- Überzeugte Kunden: Erste Reaktionen aus dem Pilotmarkt Düsseldorf-Heerdt sind eindeutig: Qualität und Geschmack des Roboter-Essens werden mit Restaurantniveau verglichen – der anfängliche Skeptizismus weicht schnell echtem Interesse.
- Markt im Wandel: Mit Pilotprojekten bei REWE beginnt der deutsche Einzelhandel, den Supermarkt vom reinen Verkaufsraum zum automatisierten Food-Service-Hub umzubauen.
Roboter statt Koch: Ein Pilotprojekt mit Signalwirkung
Es surrt leise, wenn die Maschine arbeitet. Kein Klappern von Pfannen, keine Hektik in der Küche, nur präzise Mechanik und ein Bildschirm, der das Menü des Tages ankündigt. Wer den REWE Center in Düsseldorf-Heerdt betritt, erlebt seit Oktober 2025 eine unscheinbare Revolution: den weltweit ersten vollautonomen Kochroboter im laufenden Supermarktbetrieb, täglich von 10:00 bis 20:00 Uhr.
Der CA-1 – ausgeschrieben Circus Autonomy One – ist das Herzstück des Münchner Technologie-Unternehmen Circus SE. Hinter dem unscheinbaren Namen verbirgt sich eine Technologie die Roboterarm, KI-Rezeptsteuerung, Hygienesensorik und Software zu einem einzigen, kompakten System vereint – auf gerade einmal sieben Quadratmetern Verkaufsfläche.
Für die REWE Region West ist es mehr als ein PR-Experiment. Es ist ein strategischer Vorstoß in eine Zukunft, in der der Supermarkt nicht länger nur Zutaten verkauft, sondern auch das fertige Gericht. Inzwischen ist der Roboter an drei Standorten im Einsatz, in Düsseldorf und Bonn. „Wir bringen mit dem CA-1 die weltweit ersten Embodied-AI-gesteuerten Kochroboter in reale Betriebsabläufe“, sagt Nikolas Bullwinkel, Gründer und CEO, Circus SE.
Der CA-1 („Circus Autonomy One“) von Circus SE ist ein vollautonomer KI-Roboter für industrielle Essensproduktion, der den gesamten Prozess von Lagerung und Dosierung über Kochen und Anrichten bis zur digitalen Kundeninteraktion übernimmt.
Drei Krisen, eine Maschine – der CA-1 von Circus SE als Lösung
Um zu verstehen, warum ausgerechnet jetzt ein Roboter in deutschen Supermärkten kocht, lohnt sich ein Blick auf die Lage der Branche. Der Lebensmitteleinzelhandel steht unter dreifachem Druck.
Erstens: Personalmangel. Die Gastronomie – auch innerhalb der Märkte, in Form von heißen Theken oder Bistrobereichen – kämpft seit Jahren um Fachkräfte. Vakanzraten von über zwölf Prozent in der Systemgastronomie und Lebensmittelherstellung sind keine Ausnahme, sie sind die Regel. Wer einen Koch für die Frischetheke sucht, findet ihn selten.
Zweitens: Margendruck. Warme Speisen und Ready-to-eat-Angebote gelten im Handel als margenstärker als klassische Handelsware – aber auch als personalintensiver. Die Gleichung ging lange nicht auf. Der Kochroboter könnte das ändern: Laut Branchenanalysten lässt sich der Break-even je nach Verkaufspreis der angebotenen Gerichte bereits ab etwa 80 verkauften Portionen täglich erreichen.
Drittens: Convenience. Der Schlüssel zum Erfolg autonomer Kochroboter im Einzelhandel liegt in ihrer Fähigkeit, den To‑Go-Markt optimal zu bedienen. Zeitknappheit bei gleichzeitig wachsendem Qualitätsbewusstsein prägt das moderne Konsumverhalten, während herkömmliche Ready‑to‑Eat-Produkte häufig als weniger frisch oder gesund wahrgenommen werden. Autonome Roboter wie der CA-1 schaffen hier Abhilfe, indem sie Mahlzeiten auf Abruf live zubereiten und den Kunden so die Sicherheit garantieren, dass ihre Gerichte frisch serviert werden.
Die Technik: Beim CA-1 ist Embodied AI der Küchenchef
Der CA-1 der Circus SE verkörpert einen Paradigmenwechsel in der Gastronomietechnologie. Auf Basis sogenannter Embodied AI – einer künstlichen Intelligenz, die nicht nur berechnet, sondern physisch mit ihrer Umgebung interagiert – steuert das System über Roboterarme, Induktionsherde und ein dichtes Sensornetzwerk den gesamten Kochprozess mit industrieller Präzision.
Aus 36 gekühlten Grundzutaten kann das System mehr als 2.000 Rezeptvarianten generieren, ein fertiges Gericht verlässt die Maschine binnen drei bis sieben Minuten – bei einem Durchsatz von 50 bis 100 Portionen pro Stunde.
Das Betriebssystem CircusOS überwacht dabei kontinuierlich Parameter wie Temperatur, Viskosität und Füllstände, erkennt Abweichungen in Echtzeit und leitet vorausschauende Wartungsmaßnahmen ein, während IoT-Strukturen die zentrale Rezeptverwaltung über mehrere Standorte hinweg ermöglichen.
HACCP-konforme Selbstkontrolle, integrierte Spültechnik und ein vollständig digitaler Bestellprozess runden ein System ab, das Circus-Chef Nikolas Bullwinkel nicht ohne Grund als den „ChatGPT-Moment der Robotik" bezeichnet – als den Moment also, in dem künstliche Intelligenz endgültig in die physische Welt des Kochens eintritt.
Der Business Case: Wann rechnet sich der CA-1?
250.000 Euro kostet ein CA-1 in der Anschaffung. Hinzu kommen Lizenzgebühren für CircusOS und laufende Wartungskosten. Für viele mittelgroße Händler ist das eine erhebliche Hürde. Doch die Logik dahinter erschließt sich schnell, wenn man die Gegenrechnung aufmacht.
Eine klassische Frischeküche im Markt erfordert Küchenpersonal, Schichten, Urlaubsvertretungen, Lebensmittelzertifizierungen – und liefert trotzdem schwankende Qualität. Der CA-1 benötigt lediglich rund eine Stunde menschliche Intervention täglich, für Befüllung und Basisreinigung. Das entspricht einer Reduktion der direkten Lohnkosten um bis zu 95 Prozent.
Bis zu 6.000 Einheiten des CA-1 plant Circus SE jährlich zu fertigen; dafür wurde bereits im vergangenen Jahr eine neue Produktionslinie gestartet. Zur Unterstützung der Expansionsstrategie ist das Unternehmen eine Kooperation mit der MMV Leasing GmbH eingegangen: Künftig soll der KI-Roboter über flexible Leasingmodelle finanziert werden können, um Investitionshürden zu senken und den Marktzugang zu erleichtern. „Die Zusammenarbeit mit MMV Leasing ist ein wichtiger Schritt, unsere KI-Robotik-Systeme als neuen Industriestandard zu etablieren“, so Nikolas Bullwinkel.
Wirtschaftlichkeitsvergleich: Klassische Küche vs. Kochroboter CA-1
Reaktionen aus dem REWE-Markt: Zwischen Neugier und Staunen
Die ersten Wochen im ersten Markt in Düsseldorf-Heerdt liefern Daten, die die Investitionsthese stützen. Nach Angaben des Marktleiters sorgt der Roboter bereits für zusätzliche Kundenfrequenz. Neben interessierten Stammkunden zieht er auch Besucher an, die gezielt wegen des Systems in den Markt kommen.
Die angebotenen Speisen bieten eine breite Vielfalt und reichen von Penne Arabiata entweder mit Hähnchen (6,99 €) oder Gemüse (5,49 €) bis hin zu Thai Curry (6,99 €), einer Kürbissuppe (3,49 €) oder einem Porridge mit Beeren für 3,49 €.
„Das ist bei mir in der Nachbarschaft und ich habe es gesehen – ich dachte: das ist ein echter Use Case für KI. Das will ich mir anschauen“, beschreibt ein Kunde seinen Impuls. Ein anderer zeigt sich überrascht: „Frisch gekochtes Essen – das hätte ich nicht erwartet. Ich bin erstaunt und finde das schon eine tolle Sache. Gerade Suppen – das ist mein Favorit.“
Das Kassenpersonal im Markt bestätigt: Kunden, die am Roboter Essen geholt haben, bewerten es durchweg positiv. Ein Kunde bringt es auf den Punkt: „Wenn man mir das jetzt so hinstellen würde, würde ich nicht wissen, ob das vom Roboter ist. Schmeckt sehr gut.“
Im REWE-Markt in Heerdt wurden anvisierte Umsatzmeilensteine früher als geplant erreicht. Ob dies ein nachhaltiges Wachstum oder klassischer Hype um eine neue Technologie ist, bleibt eine offene Frage – eine, die erst die vollständige achtmonatige Pilotphase beantworten wird. Aber auch an den anderen Standorten werden die gleichen Erfahrungen beobachtet.
Die hohe anfängliche Neugier der Kunden muss sich nun in dauerhafte Kaufgewohnheiten verwandeln – ein in der Konsumpsychologie bekanntes Problem bei technologischen Innovationen im Alltag. Das „Automaten-Stigma" bei Lebensmitteln ist real, auch wenn die transparente Glasfront des CA-1 und der Show-Cooking-Effekt gezielt dagegen arbeiten. Regulatorisch stellt der EU AI Act neue Anforderungen: KI-Systeme im öffentlichen Raum müssen transparent und datenschutzkonform operieren.
Ausblick: Der Supermarkt als Food-Hub
Der globale Markt für Food Robotics wird bis 2035 voraussichtlich von 3,1 Milliarden US-Dollar auf über 13 Milliarden anwachsen – eine jährliche Wachstumsrate von rund 15,7 Prozent. Asien-Pazifik führt, Europa holt auf. Mit Circus SE sitzt einer der relevantesten Akteure in Deutschland.
Für die REWE Group könnte der CA-1 zum Symbol einer strategischen Neuausrichtung werden. Langfristig strebt der Konzern an, die Zutaten für den Roboter direkt aus dem eigenen Sortiment zu beziehen – eine vertikale Integration, die die Wertschöpfung innerhalb der Gruppe maximiert und den Supermarkt zum Produzenten macht.
Wenn der Pilot erfolgreich abgeschlossen wird, stehen über 6.000 REWE-Märkte in Deutschland als potenzielle Rollout-Fläche bereit.
Was heute bei REWE als sichtbare Vison bestaunt und getestet werden kann, könnte in den nächsten Jahren zum Standardbild eines modernen Supermarkts werden. Eine gläserne Kochstation zwischen Obsttheke und Kühlregal, ein Roboterarm, der das Mittagessen zubereitet, und eine KI, die weiß, was die Kunden wollen.
Häufig gestellte Fragen zum CA-1 von CIRCUS SE: Autonome Kochroboter bei REWE im Einsatz
Thomas Feldhaus
Chefredakteur | Wirtschaftsjournalist
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