ESG-Ratings 2026: Investoren schauen hinter den Score
Autor: Thomas Feldhaus · Zuletzt aktualisiert: 25.10.26
Wirtschaft Börse/Aktien Nachhaltigkeit · 10 Min. Lesedauer
Ein Buchstabe, eine Zahl, fertig ist das Nachhaltigkeitsurteil – so einfach machen es sich professionelle Investoren nicht mehr. Die neue Studie „Rate the Raters 2026“ des ERM Sustainability Institute zeigt: Das Vertrauen in ESG-Ratings sinkt, aggregierte Gesamtnoten verlieren an Gewicht, Rohdaten und eigene Analysen gewinnen.
Das Wichtigste in Kürze
-
Vertrauen Das durchschnittliche Vertrauen der Investoren in ESG-Ratings ist auf einer Skala von 1 bis 5 von 3,31 Punkten (2023) auf 3,05 Punkte (2026) gesunken.
-
MSCI Der Anbieter führt erstmals sowohl bei der wahrgenommenen Qualität (3,50) als auch beim Nutzen (3,58). In der Qualitätswertung stieg MSCI von Rang 7 auf Rang 1.
-
Nutzwert Aggregierte ESG-Ratings gehören nicht mehr zu den drei nützlichsten Informationsquellen. Ihr Anteil sank von 53 Prozent (2023, geteilter erster Platz) auf 31 Prozent (2026, Rang 6).
-
Nichtnutzung 18 Prozent der Befragten nutzen ESG-Ratings gar nicht – überwiegend Private-Equity- und Venture-Capital-Investoren. 2023 lag dieser Wert bei null.
-
Regulierung Seit dem 2. Juli 2026 gilt die EU-Verordnung über ESG-Ratings (EU 2024/3005). Rating-Anbieter stehen damit unter direkter Aufsicht der ESMA.
Wer in den vergangenen zehn Jahren einen Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt, eine Anleihe platziert oder ein Investorengespräch vorbereitet hat, kam an ihnen nicht vorbei: ESG-Ratings. Ein Buchstabe von MSCI, eine Bewertung von EcoVadis, ein Risiko-Score von Sustainalytics – solche Urteile entschieden mit darüber, ob ein Unternehmen in ein Portfolio aufgenommen wurde oder herausflog.
Die Macht der roten Flagge
Wie weit dieser Einfluss reichen kann, schildert ein US-Vermögensverwalter in der neuen ERM-Studie: Bei manchen Investmenthäusern löse eine rote Flagge von MSCI automatisch Aktienverkäufe aus.
Genau diese Rolle steht nun auf dem Prüfstand. Die sechste Ausgabe der Studienreihe „Rate the Raters“, im Oktober 2026 unter dem Titel „Beyond the score – Investor views on ESG ratings“ erschienen, beschreibt einen Markt, der erwachsen geworden ist. Investoren nutzen ESG-Ratings weiterhin, aber sie glauben ihnen nicht mehr blind. Sie zerlegen die Produkte der Agenturen, greifen auf die darunterliegenden Daten zu und bilden sich ihr eigenes Urteil.
Die sechste Ausgabe der ERM-Studienreihe untersucht, wie Investoren ESG-Ratings und die zugrunde liegenden Daten bewerten und nutzen.
Rate the Raters 2026: So bewerten Investoren ESG-Ratings
Das ERM Sustainability Institute hat im Oktober 2026 die Investorenausgabe seiner Studie „Rate the Raters 2026: Beyond the score“ veröffentlicht. Sie ergänzt die Unternehmensausgabe von 2025 und stellt die Sicht der Kapitalanleger der Sicht der bewerteten Firmen gegenüber.
Datenbasis
Befragt wurden 53 Investmentprofis aus Asset Management, Asset Owners, Private Equity, Banken und Venture Capital, deren Organisationen zusammen rund 23,5 Billionen US-Dollar verwalten.
Zeitraum
Die Online-Befragung lief vom 17. Februar bis 15. Juli 2026 und wurde durch zehn vertiefende Interviews mit Investoren und Branchenvertretern ergänzt.
Reichweite
Knapp die Hälfte der Teilnehmer sitzt in Europa, dem Nahen Osten oder Afrika, die übrigen in Asien-Pazifik, Nordamerika und Lateinamerika.
Wer befragt wurde – und was die Zahlen aussagen können
Das ERM Sustainability Institute, die Denkfabrik des Nachhaltigkeitsberaters ERM, hat zwischen dem 17. Februar und dem 15. Juli 2026 insgesamt 53 Investmentprofis befragt und zusätzlich zehn vertiefende Interviews geführt. Die Organisationen der Befragten verwalten zusammen rund 23,5 Billionen US-Dollar. Bei der Vorgängerstudie 2023 hatten 33 Investoren teilgenommen.
Der Teilnehmerkreis ist deutlich breiter geworden. 40 Prozent kommen aus dem Asset Management oder der Anlageberatung, 22 Prozent sind Asset Owner, 18 Prozent Private-Equity-Investoren, 14 Prozent Banken und acht Prozent Venture-Capital-Gesellschaften; Mehrfachnennungen waren möglich. 49 Prozent der Organisationen haben ihren Hauptsitz in Europa, dem Nahen Osten oder Afrika, 29 Prozent im asiatisch-pazifischen Raum, 20 Prozent in Nordamerika und zwei Prozent in Lateinamerika.
Für die Einordnung gehört dazu: 53 Antworten ergeben kein repräsentatives Marktbarometer, sondern ein qualifiziertes Stimmungsbild der professionellen Kapitalanleger. Einzelne Anbieter wurden zudem nur von wenigen Teilnehmern bewertet – EcoVadis etwa von 17, ESG Book von acht. Und weil sich die Zusammensetzung gegenüber 2023 verändert hat, sind Zeitvergleiche mit Vorsicht zu lesen. ERM selbst nennt den größeren und globaleren Befragtenkreis als einen möglichen Grund für das gesunkene Vertrauen.
Vertrauen in ESG-Ratings sinkt – aber nicht ins Bodenlose
Auf die Frage, wie sehr sie ESG-Ratings zutrauen, die Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens zutreffend zu beurteilen, vergaben die Investoren im Schnitt 3,05 von fünf Punkten. 2023 waren es noch 3,31. Die Hälfte der Befragten wählte die mittlere Note 3, ein Viertel die Note 2, ein weiteres Viertel die Noten 4 oder 5. Ein Totalverriss sieht anders aus: Mäßiges Vertrauen bleibt die vorherrschende Haltung.
Auffällig ist dennoch, wie breit der Rückgang ausfällt. Die beste durchschnittliche Qualitätsnote im gesamten Feld fiel von 4,20 Punkten (EcoVadis, 2023) auf 3,50 Punkte (MSCI, 2026). Als Ursachen nennt ERM anhaltende Zweifel an der Datenqualität, die verschärfte Prüfung von ESG an den Kapitalmärkten und Verdruss über die Preisgestaltung der Anbieter. Hinzu kommt ein Effekt, der eher für als gegen die Branche spricht: Viele Investmenthäuser haben inzwischen eigene ESG-Expertise aufgebaut – und erkennen Fehler schneller.
In den Interviews wird diese Kritik konkret. Ein Vermögensverwalter mit Sitz in Deutschland berichtet von Nachlässigkeiten gerade bei den größeren Anbietern, die ständig neue Lösungen auf den Markt brächten und dabei die Pflege bestehender Produkte vernachlässigten. Ein Asset Manager aus Singapur benennt das Zeitproblem: Bis die Rater ihre Daten hochgeladen hätten, seien diese bereits deutlich veraltet.
MSCI an der Spitze, das Feld insgesamt schwächer
Trotz des kritischeren Blicks gibt es einen klaren Gewinner: MSCI. Der US-Index- und Datenanbieter erreicht bei der wahrgenommenen Qualität 3,50 und beim Nutzen 3,58 Punkte – jeweils Platz eins. In der Qualitätswertung kletterte MSCI von Rang 7 auf Rang 1 und war laut Studie der einzige Anbieter, dessen Qualitätsnote leicht zulegte (2023: 3,38). Beim Nutzen ging es von Rang 5 an die Spitze. MSCI ist zudem der bekannteste Anbieter: 74 Prozent der Befragten gaben eine Bewertung ab.
ERM führt den Aufstieg vor allem auf die tiefe Verankerung von MSCI in den Arbeitsabläufen und Portfolioanalysen der Vermögensverwalter zurück. Zudem hätten Investoren den Eindruck, der Anbieter reagiere schnell mit neuen Produkten auf Themen wie Klimarisiken, Menschenrechte und Biodiversität. Nach Unternehmensangaben bilden passive und aktive Fonds mit mindestens 1,1 Billionen US-Dollar MSCI-Nachhaltigkeits- und Klimaindizes ab oder beziehen sich auf sie.
Beim Nutzen folgt EcoVadis mit 3,53 Punkten. Investoren schätzen den Anbieter laut Studie für seinen Fokus auf Lieferketten- und Wertschöpfungsdaten; EcoVadis verknüpft seine Lieferantenratings nach eigenen Angaben mit einem Beschaffungsvolumen von mehr als 2,5 Billionen US-Dollar. CDP, 2023 noch Spitzenreiter beim Nutzen (3,90 Punkte), fiel auf 3,30 Punkte und Rang fünf, hält bei der Qualität mit 3,45 Punkten aber Platz zwei.
Was Investoren bei der Beurteilung eines Ratings am wichtigsten ist, hat sich kaum verändert: 93 Prozent stufen die Offenlegung der Methodik als hoch oder sehr hoch relevant ein, 91 Prozent deren Qualität, 87 Prozent die Glaubwürdigkeit der Datenquellen. Neu weit oben stehen die Ausrichtung der Methodik an Offenlegungsstandards und Regulierung (70 Prozent) sowie die Gründlichkeit des Researchprozesses (68 Prozent).
Der Score verliert, die Rohdaten gewinnen
Die eigentliche Botschaft der Studie steckt in ihrem Untertitel: „Beyond the score“. Gefragt nach den drei nützlichsten Informationsquellen für Investmententscheidungen, nannten 54 Prozent die eigene Inhouse-Analyse, 50 Prozent den direkten Dialog mit Unternehmen und 40 Prozent die Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen. Aggregierte ESG-Ratings – also Gesamtnoten wie das MSCI-Rating – kamen nur noch auf 31 Prozent und Rang sechs. 2023 hatten sie sich mit 53 Prozent noch den ersten Platz geteilt.
Auch die Rohdaten der Anbieter haben an Zuspruch verloren, von 44 auf 33 Prozent. Sie liegen aber weiterhin vor den Gesamtnoten. Deutlich zugelegt haben dagegen Medien und Nachrichtenaggregatoren sowie Pflichtveröffentlichungen gegenüber Aufsichtsbehörden. ERM vermutet dahinter den wachsenden Einsatz KI-gestützter Recherche-, Aggregations- und Kontroversen-Tools, mit denen sich öffentliche Informationen in großem Umfang auswerten lassen.
Wie das in der Praxis aussieht, schildert ein Vermögensverwalter aus Singapur: Nur einige seiner Investmentteams arbeiteten direkt mit externen Ratings. Im Übrigen baue das Haus eigene Ratings auf Basis von Rohdaten der Drittanbieter. Die Zahlen bestätigen dieses Muster. 61,5 Prozent der Befragten nutzen ESG-Ratings vor allem als Ausgangspunkt für eigenes Research, 59 Prozent als Grundlage für den Dialog mit Unternehmen. Nur 28,2 Prozent ziehen Gesamt- und Teilnoten direkt für Investmententscheidungen heran.
Das ist mehr als eine methodische Fußnote. Es verändert die Machtverhältnisse zwischen Anbieter und Kunde: Wer nur noch die Zutaten kauft, entscheidet selbst über das Rezept. Der Wert einer Rating-Agentur bemisst sich dann weniger an der Strahlkraft ihrer Gesamtnote als an der Qualität, Aktualität und Zugänglichkeit ihrer Daten.
Seltener, gezielter, kostenbewusster
Genutzt werden ESG-Ratings nach wie vor häufig. 58 Prozent der Befragten greifen mindestens einmal pro Woche auf Ratingprodukte zu. Der Anteil derjenigen, die das mehrmals wöchentlich tun, ist jedoch von 47 auf 36 Prozent gesunken. Die Zahl der Anbieter bleibt überschaubar: 46,2 Prozent arbeiten mit einem oder zwei Ratinghäusern, 43,6 Prozent mit drei bis fünf. Mehr als zehn Anbieter nutzen nur 2,6 Prozent.
Bei der Frage, von welchen Anbietern sie aktuell Daten beziehen oder dies für 2026 planen, nannten 23 von 40 Antwortenden MSCI, 17 Bloomberg und 13 Sustainalytics. In den Interviews begründen Investoren ihre Zurückhaltung mit Datenüberschneidungen, hohen Abonnementkosten und der Sorge vor Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Ein US-Vermögensverwalter formuliert es nüchtern: Niemand habe jedes Jahr Millionen übrig, um drei Anbieter für dieselben Daten zu bezahlen.
Profitieren könnten spezialisierte Anbieter. Investoren nannten in freien Antworten unter anderem Clarity AI, FactSet, GRESB und Auquan als Datenquellen, dazu natur- und klimaspezifische Anbieter wie Nature Alpha, Impact Cubed, ICE, RisQ und Level 11. In Interviews war von wachsender Zusammenarbeit mit kleineren Häusern wie Planetrics zu Klima, Biodiversität und Menschenrechten die Rede.
Blinder Fleck: Private Märkte und Mittelstand
Eine der bemerkenswertesten Zahlen der Studie betrifft jene, die gar nicht mehr mitspielen: 18 Prozent der Befragten nutzen ESG-Ratingprodukte überhaupt nicht – 2023 war es niemand. Laut ERM handelt es sich überwiegend um Private-Equity- und Venture-Capital-Investoren. Fünf von ihnen erklärten, sie griffen stattdessen auf andere Quellen wie Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen zurück. Ihr Hauptargument: Für Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen gebe es kaum ESG-Daten.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Frankfurter DN Group AG. Die börsennotierte Beteiligungsgesellschaft positioniert sich nach eigenen Angaben als einziger börsennotierter Pure-Play-Impact-Investor in Deutschland. Sie investiert in wachstumsorientierte Unternehmen aus Bereichen wie erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft, also dort, wo externe ESG-Ratings selten greifen. Statt sich auf einen Agentur-Score zu stützen, prüft DN Beteiligungen mit einem eigenen Verfahren, dem Venture Impact Assessment (VIA).
Es wurde gemeinsam mit dem Nachhaltigkeitsberater p17 entwickelt und gleicht Unternehmen mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen sowie 40 ESG-Prüfkriterien ab. Damit folgt das Haus dem Muster, das die ERM-Studie für die Buy-Side beschreibt: eine eigene Bewertung auf Basis von Unternehmensdaten statt der Übernahme einer fremden Gesamtnote.
Die Abdeckungslücke hat praktische Folgen. Für wachstumsorientierte Unternehmen, die sich außerhalb der Börse finanzieren, entscheidet über die ESG-Wahrnehmung bei Investoren vor allem die eigene Kommunikation – nicht das Urteil einer Agentur, die das Unternehmen ohnehin nicht abdeckt. Die Investoren selbst wünschen sich hier Abhilfe: Eine breitere Abdeckung nach Zahl und Größe der Unternehmen rangiert auf ihrer Prioritätenliste für die kommenden fünf Jahre auf Platz fünf.
Regulierung: Aus ESG-Ratings wird ein beaufsichtigtes Produkt
Parallel zur wachsenden Skepsis der Nutzer zieht der Gesetzgeber die Zügel an. Die EU-Verordnung über ESG-Ratings (EU 2024/3005) ist am 2. Juli 2026 wirksam geworden. ERM bezeichnet sie als bislang bedeutendsten regulatorischen Eingriff in diesen Markt. Anbieter benötigen eine Zulassung, stehen unter laufender Aufsicht der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA und müssen Anforderungen an Governance, Transparenz, Offenlegung der Methodik und den Umgang mit Interessenkonflikten erfüllen.
Die Branche reagiert bereits. CDP gliedert sein Beratungsgeschäft in eine rechtlich eigenständige Einheit aus. Clarity AI hat den Austausch mit bewerteten Emittenten ausgebaut. Das MSCI-Modellupdate 2026 betraf nach Studienangaben rund 37 Prozent der bewerteten Emittenten und legt mehr Gewicht auf finanziell wesentliche, quantitative Leistungsindikatoren. CDP zieht für 2027 seinen Bewertungsstichtag von September auf Juni vor, Morningstar Sustainalytics ist aus dem Geschäft mit Second Party Opinions für nachhaltige Anleihen ausgestiegen.
ERM erwartet, dass die höheren Compliance-Anforderungen etablierten Anbietern nützen, weil diese bereits über die nötige rechtliche und organisatorische Infrastruktur verfügen. Kleinere Nischenanbieter tragen dagegen vergleichsweise höhere Kosten. Das fügt sich in ein Bild ohnehin zunehmender Konsolidierung: Apax hat die Mehrheit an Sedex übernommen, Permira in CDP investiert, ESG Book und EthiFinance schließen sich zusammen.
Auch außerhalb der EU tut sich etwas. Die britische Finanzaufsicht FCA hat ihre Konsultation zu einem eigenen Regime abgeschlossen; finale Regeln werden noch für 2026 erwartet. In Indien überprüft die Börsenaufsicht SEBI ihren Rahmen für ESG-Rating-Anbieter. Hinzu kommen strengere Vorgaben für Fondsnamen: Nach Angaben von Morningstar haben in Europa rund 31 Prozent der betroffenen Artikel-8- und Artikel-9-Fonds ihren Namen geändert. In einer ESMA-Stichprobe änderten 64 Prozent der Fonds ihren Namen, 56 Prozent verschärften ihre Anlagepolitik.
Für die Rating-Nutzung erwarten die Investoren daraus eher mehr als weniger Bedarf: 62 Prozent stimmen der Aussage zu, dass verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung ihre Nutzung von ESG-Ratings und zugrunde liegenden Daten erhöhen wird.
KI als Prüfinstrument – nicht als Verkaufsargument
Künstliche Intelligenz spielt in den Plänen der Investoren eine zentrale Rolle. Nur 2,3 Prozent haben keine Pläne, KI für die ESG-Datenanalyse einzusetzen. 65,9 Prozent wollen sie in den nächsten ein bis drei Jahren nutzen, um Datenqualität zu prüfen und Widersprüche aufzuspüren, 61,4 Prozent zur automatisierten Erhebung und Verarbeitung von Daten aus verschiedenen Quellen, 52,3 Prozent zur Echtzeitüberwachung von ESG-Ereignissen und Kontroversen.
Interessant ist der Kontrast: Als Qualitätsmerkmal eines Ratings halten nur 14 Prozent den KI-Einsatz beim Anbieter für wichtig. Und auf der Wunschliste für die kommenden fünf Jahre landet die weitere KI-Integration in Ratingprozesse auf dem letzten Platz. Investoren wollen KI also vor allem selbst einsetzen – um die Arbeit der Agenturen zu überprüfen, nicht um sie zu ersetzen.
Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen andere Themen: ein stärkerer Fokus auf wesentliche Themen (durchschnittlicher Rang 3,94), eine bessere Verknüpfung mit der finanziellen Entwicklung der Unternehmen (4,59), höhere Qualität und Transparenz der Methodik (4,69) sowie eine engere Ausrichtung an verpflichtenden Berichtsstandards wie ESRS und ISSB (4,78).
Investoren und Unternehmen: zwei Blickwinkel auf dieselben Ratings
Die Studie ist als Gegenstück zur Unternehmensausgabe 2025 angelegt, die die Sicht der bewerteten Firmen erhob. Beide Seiten sind sich bei den führenden Anbietern weitgehend einig: MSCI, CDP, EcoVadis, ISS und S&P Global ESG zählen in beiden Gruppen zu den sechs Besten bei der Qualität. Die Investoren bewerten jedoch fast durchgehend strenger. Ihr Vertrauenswert liegt mit 3,05 unter dem der Unternehmen (3,12).
Beim Blick nach vorn drehen sich die Rollen teilweise um. Nur 33 Prozent der Investoren erwarten, dass die Relevanz von ESG-Ratings abnimmt – bei den Unternehmen sind es 46 Prozent. Umgekehrt glauben 64 Prozent der Unternehmen, dass Investoren ein starkes Interesse an ESG-Ratings behalten. Unter den Finanzinstituten selbst teilen diese Einschätzung nur 42 Prozent.
ERM erklärt die Unterschiede mit verschiedenen Anwendungsfällen. Unternehmen nutzen Ratings für Offenlegung, Benchmarking, Lieferkettensteuerung und Performance-Management. Investoren dagegen brauchen Daten, die sie in eigene Modelle einspeisen können. Die Autoren weisen zudem auf den Zeitpunkt hin: Die Investorenbefragung fiel in eine Phase verschärfter Prüfung von ESG-Ratings.
Was Unternehmen und Emittenten daraus ableiten sollten
Für börsennotierte Unternehmen wie für kapitalsuchende Emittenten ist die Botschaft eindeutig: Ein gutes Rating ist nützlich, aber es ersetzt keine belastbare eigene Kommunikation. ERM empfiehlt Unternehmen drei Schritte:
- Hochwertige öffentliche Offenlegung priorisieren: Investoren stützen sich zunehmend auf Berichte, direkten Dialog und Rohdaten statt auf Gesamtnoten. Entscheidend sind präzise, zugängliche und entscheidungsrelevante Nachhaltigkeitsinformationen.
- Auf die relevanten Anbieter konzentrieren: Unternehmen sollten wissen, welche Rating- und Datenanbieter ihre Investoren tatsächlich nutzen, und ihre Ressourcen dorthin lenken, statt jeden Fragebogen zu bedienen.
- Nachhaltigkeit und Investor Relations verzahnen: Die investorennahen Teams müssen Nachhaltigkeitsleistung, Ratingergebnisse und Kontroversen erklären können und bei Bedarf die internen Fachleute einbinden.
Man kann es auch zugespitzter formulieren: Wenn die Investoren hinter den Score schauen, müssen Unternehmen dafür sorgen, dass sie dort etwas Belastbares finden. Wer seine ESG-Kommunikation bislang auf das Erreichen einer guten Note ausgerichtet hat, sollte sie künftig an der Frage ausrichten, welche Daten ein Analyst in sein eigenes Modell übernehmen kann.
Fazit ESG Ratings 2026
„Rate the Raters 2026“ dokumentiert keine Abkehr von ESG, sondern eine Professionalisierung. Investoren behandeln Nachhaltigkeitsdaten zunehmend wie jede andere finanziell relevante Information: Sie prüfen sie, vergleichen Quellen und verlassen sich nicht auf ein einzelnes Urteil. Der wichtigste Grund, ESG-Ratings überhaupt zu nutzen, bleibt laut Studie, dass die Informationen als relevant für den Anlageerfolg gelten – das gaben 51,3 Prozent an.
Für die Rating-Agenturen ist das Herausforderung und Chance zugleich. Die neue EU-Aufsicht zwingt sie zu mehr Transparenz, die Kunden verlangen bessere Daten, schnellere Korrekturen und flexible Schnittstellen. Wer das liefert, bleibt unverzichtbar. Wer weiter vor allem auf die Aura der Gesamtnote setzt, dürfte merken, dass diese bei professionellen Investoren an Glanz verloren hat.
FAQ: Häufige Fragen zu ESG-Ratings und „Rate the Raters 2026“
Thomas Feldhaus
Chefredakteur | Wirtschaftsjournalist
Thomas Feldhaus macht sichtbar, was Wirtschaft antreibt – und was sie verändert. Journalismus trifft Content: präzise, relevant, auf den Punkt.